1914-1918
So wie der deutsche Soldatenfriedhof "am Bärenstall" liegt auch der französische Friedhof am Col du Wettstein unterhalb des Lingenkopfes, nur eben an der Westseite der einstmals so blutig unkämpften Bergkette. Ob Zufall oder Fügung, wer heute vom Munstertal aus den Lingenkopf besuchen will, der wird auf seinem Weg dorthin zwangsläufig einen dieser beiden Großfriedhöfe passieren müssen. So wie am Bärenstall wird auch am Wettsteinsattel schon vor dem Besuch des Lingenkopfmuseums eines unwillkürlich klar: hier an diesem so schicksalsträchtigen Berg ist kein Platz für jedwede Form der Kriegsverherrlichung! Begeisterung über verbrachte Heldentaten, über Tapferkeit und Mannesmut weicht hier schnell einer einzigen Erkenntnis: die Soldatenfriedhöfe sind, wie die Museumsanlage selbst, schlichtweg mahnende Zeugen unvorstellbaren Schreckens, die endlos scheinenden Gräberreihen sprechen eine unmißverständliche Sprache!
Schon vor dem Betreten des Friedhofes fällt dem Besucher das imposante Mahnmal auf. Dieses Kreuz aus Stein trägt neben der in großen schwarzen Buchstaben gehaltenen lateinischen Aufschrift "PAX" (Frieden) am Sockel die Widmung "Aux Morts Du Linge" (Den Toten des Lingenkopfes).
3535 für Frankreich gefallene Soldaten ruhen auf dem Cimetière des Chasseurs, dem Jägerfriedhof, wie die Anlage am Wettsteinpaß auch genannt wird. Wie in jener Region üblich, sind die Einzelgräber durch schlichte Steinkreuze gekennzeichnet, Name, Rang, Einheit und Todestag sind auf kleinen Matalltafeln zu erkennen. Die beiden Kameradengräber, im Französischen Ossuaires genannt, wurden für 1334 Soldaten, sehr viele von ihnen konnten nicht mehr identifieziert werden, zur letzten Ruhestätte. Bereits 1919 wurde der Friedhof an jener Stelle mitten im ehemaligen Kampfgebiet angelegt, bis Mitte der dreißiger Jahre wurde er ständig erweitert und umgebaut, wurden Gefallene von Friedhöfen der Umgebung (z.B. Orbey, Stosswihr, Muhlbach und Hohrod) exhumiert und hierher verlegt. Auch die blutgetränkte Erde des Lingenkopfes gab immer wieder aufs Neue die Leichnahme gefallener Soldaten frei, die man dann am Wettsteinpass beisetzte. Sein heutiges Gesicht erhielt der Jägerfriedhof erst 1965 im Rahmen einer kompletten Renovierung.
Der überwiegende Teil der hier bestatteten Soldaten stand in einem der vielen, hauptsächlich in diesem Frontabschnitt eingesetzten Jäger-Batallione, die Namen jener als Eliteformationen geltenden Einheiten sind großen Metalltafeln am Sockel des Friedenskreuzes zu entnehmen. Am Fuße des Sockels befindet sich auch das Ehrenmahl für die "blauen Teufel", wie Frankreichs Jäger ihrer blauen Uniformen und ihrer Tapferkeit wegen stolz genannt wurden. (siehe: Mit den Alpenjägern am Lingenkopf).

Neben diesem Ehrenmahl und dem beindruckenden und historisch
sehr informativen Mahnmal an der Stirnseite des Friedhofes, weist "Le Linge"
eine weitere ebenso beeindruckende wie beklemmende Besonderheit auf: an
den Seitenwänden der beiden Ossuaires findet man zahlreiche Steintafeln
zur
Erinnerung an (vermutlich als unbekannte Gefallene hier
begrabene) Tote und Vermißte, die deren Hinterbliebene nach dem Kriege
zum Gedenken anfertigen ließen. Diesen Tafeln sind, neben Angaben
zur Person des toten Soldaten teilweise die Einsatzgebiete bzw. -tage der
verschiedenen Jäger-Bataillone zu entnehmen. Dies für historisch
Interessierte sehr aufschlußreich, wennngleich natürlich nicht
Sinn und Zweck jeder Gedenktafeln.

Die kleine offene Kapelle des Friedhofes bildet noch heute eine würdige Kulisse für Gottesdienste und Kranzniederlegungen im Rahmen von Gedenkveranstaltungen. Zahlreiche Organisationen, Abordnungen des Militärs, Hinterbliebenen- und Veteranenverbände, Kirchenvertreter und zivile Besucher gedenken hierbei alljährlich im Sommer den vielen Gefallenen des Lingenkopfes. Wer einmal das Glück hatte, solch einer Prozession mit anschließender Gedenkfeier beiwohnen zu können, gewinnt einen Eindruck darüber,"Ein alter Bretone kam auf der Suche nach einer Spur von seinem vermißten Bruder von 1920 bis 1939 und erneut von 1946 bis 1969 regelmäßig zum Lingekopf. Wie die Leiter der Ausgrabungen ermittelten, war der Bruder am 04. August 1915 von einer Granate zerfetzt worden. Anders der Fall eines 1915 im Alter von 20 Jahren vermißt gemeldeten Jägers, dessen Leichnam 1968 ausgegraben wurde...Seine Familie reiste aus Albi an, um die seit 1918 fertige Gedenktafel an dem Grab am Wettstein anzubringen..." (Durlewanger,1991, S.9)
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Die Gefallenen des Lingenkopfes, Franzosen und Deutsche
gleichermaßen, stehen heute als Zeugen eines historischen Dramas,
ebenso wie als Symbol einer für unmöglich gehaltenen Versöhnungsleistung
zweier einst so verfeindeter Völker.
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