Der Schrank des Musketiers
Eine ungewöhnliche Spur des
8. Württembergischen Infanterie Regiments 126


Anmerkung:  Diese ungewöhnliche Spur verfolgte Udo Heitzmann. Für den Bericht über seine intensive Recherche bedanke ich mich vielmals. Für eventuelle Rückfragen steht er gerne zur Verfügung.

Die Ausgangspunkte für eine Spurensuche können sehr verschieden sein. Ein geheimnisvoller Plan, wie er Jim, dem jugendlichen Helden aus Stevensons „Die Schatzinsel“ in die Hände fiel, ist dabei sicherlich die Ausnahme. Aber wer verfügt nicht über ein altes, in Ehren gehaltenes  Familienerbstück von ...., ja von wem eigentlich ? Kennt nicht die gelegentliche Erwähnung eines Urgroßvaters oder einer entfernten Tante, deren gesamtes Lebenswerk, gerade mal ein Jahrhundert später, bis auf ein oder zwei Anekdoten, die gelegentlich erzählt werden, in Vergessenheit geraten ist?  Oder findet, so wie es Alexander Kallis in seinem Bericht „Drei Orden und ein Foto“ beschreibt, das Photo seines Urgroßvaters und beginnt mit diesem „Ticket“ eine Reise in die Familiengeschichte.

In einer Zuschrift zu dem genannten Bericht schreibt ein Leser „... ich habe auch nur Foto und Name meines Großonkels, würde gerne mehr recherchieren, wie fängt man das an“

Ja, wie fängt man das an?

Vielleicht ist dieser Beitrag über eine Recherche, die den Kontext der Rubrik "Die Männer von 14-18"  allerdings nur streift,  eine kleine Hilfe ?

Der Ausgangspunkt meiner Recherche war ein „Fundstück“ in einer Altbauwohnung, in welche wir im Jahr 1988 eingezogen sind. Von den Vormietern übernahmen wir einen dunkelbraunen, lackierten Holzschrank; etwas verzogen, aber noch ganz ansehnlich und als Kleiderschrank gut zu gebrauchen.

Etwa 3 oder 4 Jahre später bei einer der samstäglichen „Wer putzt was an diesem Wochenende“ - Aktionen hatte ich mir vorgenommen, diesen Schrank im Inneren mit Seifenwasser auszuwaschen. Dabei entdeckte ich zu meiner Überraschung an der Innenseite diesen Aufkleber:
 

Meine Frau Barbara und Julia und Florian fanden das „na ja, ganz interessant“ aber mir ging der Gedanke, „mal genauer nachzuforschen“ während der folgenden Monate nicht mehr aus dem Kopf.
Als ich eines Tages beim Durchblättern des Vorlesungsverzeichnisses der Universität den Hinweis auf einen Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit fand, begann ich diesen Gedanken in die Tat umzusetzen und schickte eine schriftliche Anfrage hin. „Musketier“ und „Frühe Neuzeit“ - das schien mir zueinander zu passen.

Freundlicherweise erhielt ich bereits innerhalb einer Woche die Antwort, daß ich mich an das Badische Generallandesarchiv in Karlsruhe wenden sollte. Auch meine Anfrage an diese Institution wurde sehr schnell und mit dem Hinweis beantwortet, daß die Unterlagen dieser Militäreinheit beim Hauptstaatsarchiv in Stuttgart gelagert sind und meine Anfrage bereits weitergeleitet worden sei.

Wenige Tage später konnte ich in einem Brief des Stuttgarter Hauptstaatsarchives lesen:

„...Weitere Recherchen anhand von ca. 5 Regalmetern Namensregistern wären theoretisch mit erheblichem Zeitaufwand möglich, müßten aber von Ihnen selbst (bzw. jemanden, den Sie beauftragen könnten) durchgeführt werden....“
Nachdem ich bei einem ersten Besuch im Hauptstaatsarchiv durch einen Mitarbeiter in die Gepflogenheiten dieser Bibliothek eingewiesen worden war, ließ ich mir die ersten Bände der
„Kriegsstammrollen“ des Infanterie Regiments 126 aus dem Bibliotheksmagazin ausheben.
Kriegsstammrollen, heute vermutlich als Personalakte bezeichnet, wurden Jahrgangsweise angelegt und enthielten in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Rekruten eines Jahrgangs.
Die Namen und weitere persönliche Angaben. Da mir nicht bekannt war, in welchem Jahr Schönemann eingezogen worden war, mußte ich alle Akten, zwischen den Jahren 1873 und 1914 durchblättern – ohne jedoch den Namen Schönemann zu entdecken.

Das war sehr enttäuschend. Aber, versuchte mir der Bibliothekar Mut zuzusprechen, es könnte sein, daß der gesuchte Musketier zwar gemustert und erfaßt, aber später aus irgendwelchen Gründen nicht zum Kriegsdienst verwendet worden sei. Die Namen derjenigen seien nicht in den Kriegsstammrollen, sondern in den den Friedensstammrollen archiviert.

Und tatsächlich, beim Durchblättern der Friedensstammrolle des Jahrgangs 1912 stellte sich ein erster Erfolg ein: Schwarz auf leicht vergilbt war zu lesen: Musketier August Schönemann.
Da dieser Name im gesamten Regiment während der Jahre 1873 bis 1914 nur dieses einzige Mal registriert worden war, mußte es sich bei August Schönemann um den ursprünglichen Besitzer unseres Holzschrankes handeln. Als zusätzliche Angaben fanden sich: Beruf des Vaters, Anzahl der Geschwister, Bestrafungen vor dem Dienstantritt, Personalbeschreibung u.a.

Für einen Augenblick schweifen die Gedanken ab:

Im Verlauf dieser Suche wurden mehrere Meter Kriegsstammrollen und Friedensstammrollen durchgeblättert. War es der eigenartige Geruch, der diese mit Stoffbändern zusammengebundenen Akten umgab und einen in die Vergangenheit entführte ?

Oder war es die dünne, sorgfältig mit schwarzer Tusche aufgetragene Sütterlinschrift, in welcher militärisch-wesentlich erscheinende Merkmale eines jungen Menschenlebens akkurat in die Spalten dieses Dokumentes gebannt  worden sind ?

Dem Leser dieser Dokumente drängte sich immer wieder das Bild einer Musterungsstelle vor Augen. Mit Hunderten junger Männer, deren „Familien- und Vorname“, „Wohnung der Eltern“ „Geschwister“, „Personalbeschreibung“, “Datum der Vereidigung“  .... Zeile für Zeile, Seite für Seite, Stammrolle für Stammrolle, die ersten Spalten der Kriegsstammrolle füllte – während wenige Jahre später ein lebloses "gefallen bei Höhe 60" nicht nur zahlreiche Stammrollen abschließen, sondern ganze Menschenleben für beendet erklären sollte.

Jede durch Computer erstellte Liste der selben Inhalte, beraubt den Leser dieser durch Geruch, Typografie und Anfassen vermittelten Wahrnehmung.


Zurück zur Recherche:

Der Friedensstammrolle war zu entnehmen, daß die Eltern des Musketiers in Stuttgart wohnten, er vor seiner Einberufung jedoch in Mainz gelebt hat. Wegen einer Verletzung am Oberschenkel, wenige Wochen nach Dienstbeginn, wurde Musketier Schönemann nach Stuttgart entlassen.

Für die weitere Suche stellte sich nun die Frage, ob in Stuttgart, dem Wohnort seiner Eltern, oder in Mainz, seinem Lebensmittelpunkt vor der Einberufung, die Spur leichter aufzunehmen ist. Da letzteres einfacher zugänglich war, begann ich die Einwohnerverzeichnisse der Jahre ab 1918 zu durchblättern. Erfolglos bis 1926 war ich dann doch überrascht, in der Ausgabe des Jahres 1927 und in den folgenden,  den Namen des ehemaligen Musketiers wieder zu entdecken.

So unglaublich es an dieser Stelle erscheinen mag, aber auch der nächste und damit vorletzte Schritt der Suche führten nochmals ein Stück näher an den ehemaligen Besitzer unseres Schrankes heran, denn im aktuellen Telefonbuch war immer noch unter der selben Adresse der Nachnahme des Musketiers zu finden.

Nun wurde es ernst!

Konnte ich bei wildfremden Leuten einfach mit der Tür ins Haus fallen und über den Vater, Großvater, Bruder oder welches Familienmitglied auch immer ein Gespräch beginnen ? Vielleicht wurde eine längst vergangene Familiengeschichte, die mit manchem Leid verbunden war,  zu neuem Leben und erneutem Leid erweckt ? Eine Menge persönlicher Details, die im Grunde genommen nur wegen meiner Neugierde aus den Kellern eines Archivs wieder an das Tageslicht geholt worden sind, lagen offen vor mir. Wie frei durfte ich darüber verfügen ohne einem anderen Menschen zu nahe zu treten ? Ich entschloß mich zu einem Telefonanruf, in dem ich sehr kurz vom alten Aufkleber im Schrank berichtete – und daß ich einen Brief mit einem ausführlichen Bericht meiner Recherche diesem Anruf folgen lassen würde. Dann würde ich noch einmal anrufen und - sofern es gewünscht wird - ohne Wenn und Aber das Telefongespräch beenden. Ein Eindruck von Aufdringlichkeit sollte auf keinen Fall entstehen.

Es wurde jedoch nicht gewünscht und in einem ausführlichen Telefongespräch wurde mir freundlicherweise mitgeteilt, daß Musketier Schönemann der Vater jenes Mannes war, der noch heute in einem Vorort von Mainz lebt und der sich noch dunkel daran erinnerte, wie einmal ein alter Schrank aus dunkelbraunem, lackierten Holz, etwas verzogen, aber noch ganz ansehnlich, vom Trödler abgeholt worden war. Darüber hinaus erfuhr ich, daß der Soldat Schönemann trotz seiner Ausmusterung 1912 später dann wohl doch "im Krieg" gewesen sein muß. Einzelheiten hierzu sind nicht bekannt, noch nicht!
 


Nachtrag


 


Wochen später.

Ermutigt durch Gespräche mit Alexander Kallis, der mehrere Einzelschicksale auf seiner Internet-Site "Die Männer von 14 –18" sehr detailliert zusammengestellt hat, bat ich telefonisch nochmals um ein Gespräch. "Einige Fragen würden mich noch bewegen und vielleicht bei einer Tasse Kaffee ...?"

Nach kurzem Zögern wurde mir zugesagt und wenige Tage später, gemeinsam mit einer Schwester und dem Schwager, in angenehm herzlicher und unbefangener Atmosphäre studierten - sie, die Kinder und ich, der "Eindringling" - noch vorhandene Feldpostkarten und wir versuchten gemeinsam, einige Stationen im Leben ihres Vaters zu rekonstruieren:

Eine weitere Feldpostkarte von einem Vizefeldwebel Otto Wiedehold, die im Januar 1918 an Schönemann unter derselben Adresse geschrieben wurde läßt die Vermutung zu, daß er bis Kriegsende bei diesem Landsturm Batl. war.
 
Musketier Schönemann als "Landstürmer"

August Schönemann selbst schrieb einmal an seine Eltern und Geschwister "Bewahrt die Karte gut auf".

Daß eines Tages seine Kinder und ein zufällig in den Besitz seines Schrankes geratener Unbekannter gemeinsam mit dieser Karte über sein Leben reden, hätte er sich vermutlich nie träumen lassen.


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