Jäger Richard Redant
Mecklenburgisches Jäger Bataillon Nr.14



Vorbemerkung: Für diesen höchst interessanten Beitrag bedanke ich mich sehr herzlich bei Herrn Burkhard Preiss. Über Rückmeldungen jedweder Art würde er sich ebenso freuen wie über weitere Informationen das 14. Mecklenburgische Jäger Bataillon betreffend. Zur Vertiefung seiner Recherchen interessieren ihn besonders die Ereignisse im zweiten Halbjahr 1915.

Am 19. Oktober 1914 tritt Richard Redant, 20-jährig, als Soldat in die 2. Ersatzabteilung, Jägerbataillon 14, 1.Kompanie des Grossherzogtums Mecklenburg ein. Er wird schnell am Gewehr 98, Standardwaffe in der preussischen Armee, ausgebildet und als Jäger Klasse B eingestuft. Seine Körpergrösse ist 1,70 m, Stiefellänge 28 und die Breite 5.

Am 6. Januar 1915 wird er in das reguläre 14. Jägerbataillon versetzt, das in Colmar stationiert ist. Schon am 12.Januar 1915 wird auf Befehl von General Heidborn der Hartmannsweilerkopf  von dem 14. Jägerbatallion aus Mecklenburg besetzt, mit ihnen Landwehrverbände. Der HK ist eine strategische Schlüsselposition. Zu Schweinsberg, sein Bataillonschef, schreibt:

“ In die fruchtbaren Gefilde des Oberelsaß hinausragend, erhebt sich schroff der 960m hohe Gipfel des Hartmannsweilerkopfes. Er hat keine besondere Höhe, aber wer seinen Gipfel besitzt, beherrscht mit Scherenfernrohr und Geschützrohr die Elsassische Ebene von Mühlhausen bis Kolmar.“
Die Fotografie aus dem Schützengraben mit den beiden alten Hasen, die zufrieden in den Apparat schauen, sie sind Spezialisten. Feldpost 21.11.1915:
 
Liebe Schwester,

Vielen Dank für Deine liebe Karte, habe lange nichts von zu Hause gehört, ist doch Nichts passiert ? Mir geht es, Gott lob auch gut. Befinden uns noch in Ruhe, kann aber jeden Tag wieder losgehen. Die Aufnahme zeigt mich als Scharfschützen im Schützengraben. Vorn sitzend zwei Artilleriebeobachter.

Herzliche Grüsse Richard

Opa gehörte zu der sogenannten Abschußabteilung, die aus Soldaten der Garde-Schützen, Garde-Jägern und des 14. in der Armeeabt. Gaede gebildet wurde. Im Einsatz an allen Grenzabschnitten von Münster bis Rufach, von Anfang April bis Herbst 1915. Aufgabe der 100 Mann war, Patrouillen und Überraschungsangriffe mit Zielfernrohrbüchse und Gewehr 98 durchzuführen um in den Ruhepausen für Unruhe zu sorgen, schoß auf alles was sich bewegte und brach in feindliche Stellungen ein um Gefangene zu machen. Ein kleines, in Leinen gebundenes Büchlein, illustriert den Kriegsverlauf. Die Seiten sind unvollständig, verschmutzt, aber lesbar. Zuerst Zuversicht:

"Immer heiter, Gott hilft weiter. Oder Immer feste druf!"
Auf den folgenden Seiten elegische Verse, mutmachende Kampflieder, wie das Jägerlied:
„ Mit frohem Mut und heiterem Sinn
ziehen wir Jäger auf das Schlachtfeld hin......“
Aber auch schon Totengesängste:
„Das Jägergrab-
Mondschein im Vogesenland,
Jäger schleichen am Bergeshang....“
Selbstverständlich gehören auch Trinklieder zu Opas Repertoire:
"Kehr ich in ein Städtchen ein,
spür ich’s im Gehirne,
wo es gibt den besten Wein
und die schönste Dirne.
Spielmann lächelt wohlgemut,
streicht die Fiedel schneller
und ich werf ihm in den Hut
meinen letzten Heller."
In dem Büchlein verewigen sich die Waffenbrüder, auf Seite 53 eine Kostprobe:
Z’erst ham’s Granaten tausendweis zum
Grab’n uns g’schmissen her. Und narha
stürmas nöt zum Glaub’n Fünfreihig glei
daher, oa viertel is verschütt von uns, oa
viertel is scho tot. Wenn dös so fort geht dann
is g’fehlt-Da kommt d’hilf in Not...... Und das
waren die tapferen 14.
Drum Jäger Nummer Vierzehn hört.
Wir Bayern sag’n euch Dank.
Für treue Waffenbrüderschaft drückt jeder euch gern die Hand....
Aber die Bedrängnis wird grösser und am H K zeichnet sich ein verstärkter Artillerieeinsatz der Franzosen ab. Erhöhte Alarmbereitschaft wird befohlen. Am 21.12.1915 um 10.15 Uhr beginnt schwerstes Trommelfeuer auf alle Stellungen. Prof. Hans Killian, damals noch Leutnant und Kompaniefuehrer der Minenwerfer am Hartmannsweiler Kopf schreibt in seinen Erinnerungen “Totentanz auf dem H.K.”:
"In diesem Augenblick beginnt die grosse Weihnachtsoffensive der 66. Division unter General Serret mit seinen altbewährten Alpenjäger-Bataillonen, dem frisch aufgefüllten Leib-Regiment Joffres, den 152ern."
Opa ist mitten drin, in seinem Tagebuch steht:
„Kaum waren wir da oben angelangt und hatten unsere Last abgelegt, so schickten auch schon die Franzosen den ersten Brummer zu uns rüber. Natürlich gingen wir gleich in Deckung. Ich und auch drei Kameraden krochen bei den kleinen Minenwerfern in den Unterstand. Die ersten Brummer gingen weiter ins Tal hinab, aber es kamen diese Dinger kürzer und kürzer und bald sah man auch schon die großen Minen in der Luft. Es war ein unheimliches Trommelfeuer, dies ging bis so halb zwei Uhr an. Da plötzlich schlug eine Granate in unseren Unterstand, dieser fing sofort Feuer. Ich befand mich hinten im Unterstand und durch den fürchterlichen Qualm hätte ich beinahe die Besinnung verloren. Nochmals riß ich mich zusammen und kam dann auch blutüberströmt, am linken Arm aus dem Gelenk blutend,  in’s Freie. Noch immer tobte das furchtbare Feuer. Plötzlich kam ein Kamerad von der 3.Kompanie und berichtete, das vorn alles kaputt wäre und niemand mehr da sei. Wir dachten auch nur noch an Rettung und rannten im döllsten Granatfeuer los, nach dem Felsen zu.Ich fiel hierbei in ein großes Granatenloch und brach mir das linke Bein...“
Die Alpenjäger überrumpelten die zusammengeschossenen vordersten Linien um 14.12 Uhr am Aussichtsfelsen, so dass Opa den Franzosen nicht mehr davonlaufen konnte. In einer Schubkarre, auf eine Leiter gebunden, von hilfreichen Kameraden und französischen Sanitätern getragen, gelangte Opa nach 3 Tagen über Moos nach Valense in Gefangenschaft. Der schneidige Schenk zu Schweinsberg vermeldet in seinen Annalen:
"Die Verluste vom 21. bis 22.12 betrugen: Die Leutnants Gutmann, Haube, Offermann, Reuz, Riff, die Vizefeldwebel Bielenberg und Ebert, 7 Oberjäger und 76 Jäger gefallen, 51 Jäger verwundet, 2 Oberjäger und 51 Jäger vermisst, 43 Oberjäger und 563 Jäger in Gefangenschaft. Mit den Mecklenburgern kämpfte das 8. Reserve-Jäger-Bataillon unter Leitung Generalmajor v. Sprösser, Kommandeur der 82. Landwehr- Brigade. Die Toten wurden auf dem Ehrenfriedhof in Gebweiler beigesetzt."
Dieser kleine Zettel, mit Stempel und Unterschrift, bescheinigt Richard Redant, dass er am 21.12. 1915 unverschuldet in Kriegsgefangenschaft geriet. Welch ein Glück für ihn, so wurde verhindert, dass der Name dieses 20-jährigen Bengel’s nicht auf dem Kriegsgräberfeld in Chernay oder Guebwiller zu lesen war, in Reih und Glied unter einem Kreuz in fremder Erde mit 30000 Kameraden.

Weihnachten 1915 ist für Richard Redant der Krieg aus, er bekommt eine Legitimationskarte, die bestimmt, dass er in Ermatingen/ Region St.Gallen  interniert ist und unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit, des Prinzen Alfons von Bayern an der Landwirtschaftlichen Schule auf Schloß Hard was Ordentliches zu lernen hat.

Am 24.Mai 1918 schreibt der Internierte in Chur ungeduldig, aus dem Hotel Monopol, an seine Schwester Hertha, hier auf dem Foto während eines Besuches in der Schweiz:
 

Liebe Schwester,

Eure an mich abgesandte Geldsendung- ein Betrag von Franc 14,88 gelangte gestern in meinen Besitz. Danke vielmals. Reisekorb schon gekauft. Der Tag unserer Heimreise ist noch unbekannt, nur angesagt, daß wir einige Tage in Konstanz bleiben (Quarantäne).
 

Richard Redant kehrt nach Friedland zurück und setzt nun mit friedvoller Tätigkeit fort, er wird Landwirt und verwaltet als Gutsinspektor der Grafen Hahn zu Basedow  in Mecklenburg das Gut Rittermannshagen bis 1945. Mein Grossvater starb im November 1962 im Alter von 68 Jahren.

Gern möchte ich hier meine persönlichen Eindrücke zu diesem geschichtlichen Ereignis, das einschneidende Wirkung in millionen Familien hatte, hier anfügen:

Meine Generation war überschattet vom Kalten Krieg zwischen Ost und West, meine Eltern wurden geprägt durch die Kindheitserlebnisse des zweiten Weltkrieges, aufgewachsen bin ich mit den Kriegserlebnissen meines Grossvaters aus dem 1. Weltkrieg im warmen Morgenbett oder erzählt auf langen Spaziergängen in der Mecklenburger Schweiz.
Erst jetzt, beim Aufschreiben meiner Familiengeschichte habe ich gemerkt, wie unmittelbar diese Ereignisse in der Familie, in uns, nachwirken. Nicht verherrlichend sondern nachdenklich machend, und bei aller Ehrfurcht und Anerkennung immer wieder die Frage aufwerfend, warum nur so grausam in so einer Vielzahl?
Die Akteure von damals koennen diese Fragen nicht mehr beantworten, wir muessen es selbst tun. Und siehe da, es ist gar nicht so schwer, wenn man es so angeht wie Alexander Kallis. Geschichtliche Fakten, chronologische Abfolgen mit persoenlichen Schicksalen verbunden, ergeben die Antwort- Krieg ist sinnlos und menschenverachtend, egal welche Ziele auch immer wie begründet werden. Kein religiöses, ideologisches oder machtpolitisches Argument rechtfertigt das Menschenopfer, schon gar nicht Nationalismus und Grössenwahn.

Im März 1998 bin ich im Elsass, auf den Spuren alter Feuerstellen meines Grossvaters- suche in der Nähe des Hartmannswiller Kopfes, in Guebwiller, ein kleines bezahlbares Hotel und bin in Erwartung der Wanderung zur Gedenkstätte auf dem Berg. Aus dem Hotelfenster der Blick auf die Vogesen mit dem schneebedeckten Grand Ballon, Weinberge der Winzer Schlumberger die jetzt auch Textilmaschinen bauen, und die flache Rheinebene, im Dunst der Schwarzwald auf der anderen Seite. Diese kleinen Städte haben den Flair der Bell epoque behalten, Fachwerk-schiefergedeckt, romanisch- gotischer Kirchenbau in rostrotem Sandstein, wuchtig- auch klassizistisch und kleine Industriebetriebe. Zugegeben, ich war sehr unvorbereitet, keine Wanderkarte, und unbedacht-weil ortsunkundig. Als Flachlandindianer unbekümmert draufloslaufend, nach 5 Stunden angestrengter Wanderung im Nieselregen ab Thierenbach den Aufstieg gewagt, zwar Zeugnisse des Krieges gesehen aber nicht’s Überzeugendes, deshalb Abbruch am Sproesser- Denkmal der Landwehr 300m unterhalb des Gipfels.

Total abgelaufen im Hotel die Erkenntnis, das Ziel überstürzt angegangen zu haben und deshalb nicht
erreicht. Unter dem Hohn meiner Begleiter etwas abgebremst habe ich dann sofort eine detaillierte Wanderkarte erstanden und für den 28.März einen neuen Anlauf geplant.
Die Frühlingssonne brachte 20 grad warme, windstille, milde Luft. Die im Zuge der Kämpfe im 1.Weltkrieg gebaute Bergstrasse, serpentienenreich, über die Gipfel der Berge bis zum Grand Ballon, führte direkt zum Friedhof der 30000 französischen Soldaten, die hier von 1914-18 starben.
Das Mahnmal, mit einer Krypta und diesen bedrückend machenden Kreuzen in geometrischer Ordnung, liegt direkt vor dem Schlachtfeld, einer knapp 10 ha grosse Fläche, die mit krüppligen Bäumen und Unterholz bewachsen ist - die Bergkuppe des Hartmannsweiler Kopfes. Im Osten schimmert der Schwarzwald durch die feuchte Frühjahrsluft, davor die Rheinebene, kleine Dörfer, Felder und Industrieschornsteine, im Westen und Norden die Berge der Vogesen.
Zum 46m hohen Kreuz auf dem Gipfel führt ein Weg vorbei an den Erdtrichtern der Granateinschläge, sie sind nur noch zu erahnen, dazwischen Grabensysteme, ebenfalls. Die Erde hier wurde hunderte Male umgewühlt, das ist aber immer noch erkennbar.
Am Fusse des Gipfelkreuzes erhalten gebliebenes Grabensystem der Deutschen Truppen.
Ich lese, mit weisser Farbe auf den Fels gemalt den Namen Schweinsberggraben/ 14.Kompanie, der Graben ist nach dem Chef der 14. benannt, Opas Truppe. Das habe ich nicht erwartet. Soldaten der Bundeswehr, freiwillige Kriegsgräberpfleger aus Balingen-Kaiserstuhl, versuchen den Verfall aufzuhalten. Ich laufe den engen Graben aus Felsgestein und Beton ab, kein Blick möglich auf das schöne Elsaß, kein Platz für’s Ausruhen, grobe improvisierte ringförmige Festung, ohne den Anspruch lange zu halten, um die dahinter zerbröselnde Betonfeste "Großherzog" herum.
Unvorstellbar, das hier jahrelang mit aller möglichen Waffentechnik aufeinander losgehauen wurde. Welche Entartung hat hier stattgefunden, auf engstem Raum, in Erdlöchern, in Grabenläufen, in Betonhöhlen und Eisentürmen, beschossen durch weit entfernte Geschütze und unmittelbar nahe Granat-und Minenwerfer, aufgelauert durch präziese Scharfschützen und hinterhältige Querschläger.
Ist die Entbehrung und die Angst wirklich mit Hysterie, mit erbittertem Haß und Hohn auf den Feind zu ertragen? Ich glaube, irgendwann war für die hier kämpfenden Soldaten der Tod eine Erlösung. Die menschliche Existenz war  nur noch ein Teil der Kriegsmaschine, der Blutpumpe der Generalstäbe. Die Männer wußten nach den Kämpfen oft nicht einmal ob sie die Schlacht gewonnen oder verloren hatten, an der sie gerade teilgenommen und mit dem Leben davongekommen waren.

Wir sammeln pfundschwere Granatsplitter im Sonnenschein, werden braun im Gesicht und finden keine Worte auf dem Weg zurück. Ich gehe allein durch das Labyrinth der Wege und Erdlöcher, über das mit kranken Bäumen bewachsene unwegsam zerklüftete Gelände, dort noch ein verfallener Unterstand, dort eine Schießscharte, Stacheldrahtgeflecht und Frühlingsgrün. Wieder der Soldatenfriedhof mit den Kreuzen der Gefallenen, sehr viele datieren zum Jahresende 1915, in dieser Zeit gerät mein Opa in Gefangenschaft, es war seine Rettung - Gott sei Dank.

Die Besichtigung des Isenheimer Altars in Colmar ist ein schöner, erhabener Abschluß meiner Reise, die Betrachtung der Bildtafeln ist wie ein Gebet. Gruenwald hat die Schrecken vorausgesehen, die nicht unweit von hier über die Menschen kamen, aber auch die Hoffnung und Freude der Auferstehung gemalt, die versöhnend und ermutigend ist.
 
Burkhard Preiss
Enkel von Richard Redant

Bremen , Oktober 18, 2000



 
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