Plan H: die französischen Pläne
zur Invasion der Schweiz
Vorbemerkung: Der folgende Beitrag wurde verfasst von Eric Mansuy. Rückfragen, Kritik und Anregungen nimmt er gerne entgegen. Besonders interessant wären Ergänzungen hinsichtlich eventueller Pläne Deutschlands bezüglich einer Invasion der Schweiz. Auf den Web-Sites "La Der des Ders" bzw. "An Unfortunate Region" (siehe Linkliste) finden Sie bei Bedarf eine "Version Francaise" bzw. "English Version" dieses Artikels. Encore une fois merci beaucoup Eric!!!
Bereits lange Zeit vor dem Beginn des ersten Weltkrieges war das Territorium der Schweiz sowohl von den Deutschen als auch von den Franzosen heiß begehrt. Jedoch schätzten beide Seiten die Fähigkeiten der Schweizer Truppen im Falle eines Kampfes um ihre Neutralität sehr hoch ein, was zur Folge hatte, daß die Schweiz nicht von den Schrecken eines Krieges heimgesucht wurde. Obwohl die o.g. Einschätzung auch noch im August 1914 galt, entwickelte sich die militärische Situation für Deutschland und Frankreich dahingehend, daß die beiden Kontrahenten ihre Haltung bezüglich der Unverletztlichkeit der Schweiz in den folgenden Jahren änderten. Eine Invasion der Schweiz hätte für Deutschland ein Zurück zum Bewegungskrieg gegen Frankreich und Italien bedeuten können. Als sich das französische Oberkommando der Tatsache bewußt wurde, daß die Schweiz von Deutschland für einen Angriff gegen Italien bzw. eine Bedrohung der Region von Besançon bis Lyon, sowie der befestigten Region Belfort ("Région Fortifiée de Belfort") benützt werden könnte, entwickelte man fortan eine Reihe von Plänen zur eigenen Invasion der Schweiz. Auch wenn diese Pläne niemals realisiert wurden dienen sie gut dazu zu veranschaulichen, welch große Rolle Unschlüssigkeit und Vermutungen bei der Ausarbeitung der Strategie des französische Oberkommandos spielten.
Zwei - hinsichtlich ihrer Reichweite und ihrer Ziele - sehr unterschiedliche Optionen wurden auf Seiten Frankreichs erwogen: erstens ein Plan zur Invasion der Schweiz, bekannt als "Plan H" ("H" für Helvétie), verbunden mit der Errichtung einer Befestigungslinie, genannt "Ligne S" ("S" für Suisse). Dieses Planspiel dauerte von November 1915 bis Februar 1916. Dieser Initiative folgten Verhandlungen mit dem Ziel einer militärischen Kooperation Frankreichs und der Schweiz gegen Deutschland, die zwischen April 1916 und März 1918 geführt wurden und letztlich zur Ausarbeitung eines neuen "Plan H" und eines "Plan H´" führten.
Der erste "Plan H"
Ein Gutachten über die Möglichkeiten einer Aktion durch Schweizer Gebiet (“Note sur les possibilités d’action par le territoire suisse”), erstellt am 17. November 1915, spielt erstmals darauf an, daß die Schweiz ein potentielles Kampfgebiet sein könnte. Hierbei galten als Grundsätze: "geheime Vorbereitung, schnelle Invasion, schnelle Durchquerung des Staatsgebietes mit, sofern erforderlich, Ausschaltung des Militärs, Ankunft am deutschen Rheinufer." Der erste "Plan H" vom 14. Dezember 1915 stellte eine ausgeweitete Variante dieser Grundidee dar und sah einen großen Aufwand vor, um die angestrebten Ziele zu erreichen: 3 Armeen, bestehend aus 30 Divisionen waren Bestandteil dieses Projektes. Diese 3 Armeen sollten wie folgt eingesetzt werden:
-Die linke Armee (Armée de Gauche), auch Armée de Belfort genannt, sollte ihren Aufmarschraum zwischen Belfort und Montbéliard verlassen, dabei linksseitig Kontakt mit der Befestigungslinie von Pfetterhouse halten und die Eisenbahnlinien und Straßen des Jura in Besitz nehmen. Dieser Angriff sollte mit der Eroberung von Pfirt und Basel enden. Mit Unterstützung ihrer Kavallerie sollte die linke Armee sowohl die Region zwischen Rhein und Aar, als auch die Rheinbrücken zwischen Basel und Koblenz kontrollieren.
-Die Zentral Armee (Armée du Centre), auch als Armée de Besançon oder Armée du Jura bezeichnet, sollte aus der Region zwischen Dôle, Pontarlier und Besançon vorgehen, ihre Vorhut in Richtung Solothurn, Aarberg und Bern schicken, während die Hauptstreitmacht den Jura in Richtung der Seen durchqueren sollte. Nach dem Erreichen der Aare würde diese Armee in die Zone Solothurn – Burgdorf vorstoßen und - nun wieder vereinigt - die engste Passage ins Mittelland zwischen Hauenstein und Willisau sichern. Der Rhein sollte zwischen Koblenz und Schaffhausen überquert werden, um in der Region Stockach, Engen, Neustadt (in Deutschland) Fuß zu fassen.
-Die rechte Armee (Armée de Droite), auch Armee de Genève genannt, sollte schnellstmöglich von Lyon, Bourg and Bellegarde aus vorgehen und ihre Spitzen in Richtung der Linie Bern – Thun – Boltingen – Brig vorantreiben. Der Hauptteil dieser Armee sollte, per Eisenbahn transportiert, wenn möglich nördlich des Genfer Sees entladen werden, um dann der Vorhut zu folgen. In Kooperation mit der Zentral Armee sollte dann der Angriff bis zu der Linie Sursee – Zug – Rapperswil – Uznach erfolgen, um alsbald rechtsseitig in Richtung Bregenz – Arlberg – Chur fortgesetzt zu werden. Schließlich sollte diese Armee den Rhein zwischen Schaffhausen und Koblenz überqueren um, noch immer im Verband mit der Zentral Armee, Süddeutschland zu besetzen.
Eine Defensiv-Option, genannt "Ligne S", wurde dieser Offensiv-Planung hinzugefügt. Diese wurde erstmals in General Dubail´s Memoiren am 28. November 1915 erwähnt, als er eine befestigte Linie "zwischen Delle und dem Lomont, der Porrentruy-Lücke zugewandt, um einen potentiellen deutschen Angriff aus dieser Richtung nach einer Verletzung der schweizer Neutralität zu stoppen" forderte. Er machte weitere Anspielungen bezüglich dieser Befestigungslinie am 27. Januar, 11. Februar und am 5. April 1916. Am 17. Februar 1916 verfasste das Oberkommando der Armee-Gruppe-Ost eine Note mit dem Titel "Operationen auf Schweizer Gebiet" (“Opérations en Territoire Helvétique”) welche zweifelsfrei die vorhandenen Befürchtungen der Franzosen hinsichtlich eines deutschen Angriffes in diesem Sektor unterstreicht. Jedoch entwickelte man auf französischer Seite nach den schrecklichen Kämpfen um Verdun nun andere Perspektiven, die auf eine Kooperation zwischen Frankreich und der Schweiz abzielten. Dies bedeutete ein Ende der auf der Grundlage von Schimären ausgearbeiteten Planspiele der französischer Strategen.
Die militärische Kooperation und die
Varianten von "Plan H" von 1916 bis 1918
Anfang April 1916 entsandte der französische Militär-Attaché in der Schweiz, Colonel Pageot, eine Reihe von Berichten an das Hauptquartier, welche den Willen der Schweiz zu Verhandlungen bezüglich einer militärischen Kooperation mit Frankreich offenbarten. Nachdem feststand, daß sich die Truppen der Schweiz einer Überschreitung der Schweizer Grenze entgegenstellen würden, das Oberkommando der Schweiz nur im Falle einer ernsthaften Bedrohung durch Deutschland um die Hilfe Frankreichs ersuchen würde, beinhaltete "Plan H" fortan nur noch zwei Armeen, die Armée du Jura” und die “Armée de l’Aar”.
Am 24. Dezember 1916 setzte General Nivelle, der die Nachfolge Joffres angetreten hatte General Foch als Verantwortlichen für "Plan H" ein. Foch veränderte diesen -da er wenig Vertrauen in die Schweiz setzte- dahingehend, einen möglichen deutschen Vormarsch im Mittelland zu stoppen, und zwar zwischen Neuenburg und Olten und verzichtete auf einen Vorstoß nach Süddeutschland. Am 1. Januar 1917 eröffnete Foch die neue Strategie Nivelle, der dieser zustimmte und zwei Faktoren unterstrich: die Kriegsführung außerhalb Frankreichs so früh als möglich und das Zurückdrängen des Feindes im Falle einer Verletzung der Neutralität der Schweiz.
Am 5. und 6. April 1917 führten die Treffen von Bern zwischen dem Schweizer Generalstabs-Chef, Oberst-Korpskommandant Sprecher von Bernegg, und dem französischen General Weygand zu einer ersten Übereinkunft auf der Basis einer militärischen Kooperation zwischen Frankreich und der Schweiz: eine Kooperation französischer und Schweizer Truppen wurde ausschließlich für den Fall vorgesehen, daß die Neutralität der Schweiz verletzt werden würde und erst nach der Bitte seitens der Schweizer Regierung um Unterstützung, da man sich auf Schweizer Seite das Recht vorbehalten wollte, einer geringfügigen Bedrohung (nur lokalen Grenzverletzung) mit eigenen Truppen zu begegnen. Im Juni 1917 ersuchte General Pétain um die Ausarbeitung eines Planes, die französisch schweizerische Grenze mit 4 Divisionen zu schützen. Von nun an konzentrierte sich die französische Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die Schweiz: am 5. August wurde "Plan H" Foch entzogen und an General Paulinier übertragen. Es folgten Gespräche zwischen französischen und Schweizer Delegationen am 15. August in Paris, eine Gruppe Schweizer Offiziere besuchte im Herbst die französische Armee. Die letzten Treffen des Jahres 1917 fanden im Dezember statt, als Paulinier in die Schweiz entsandt wurde um das Abkommen, welches von Weygand initiiert wurde, zu komplettieren, vor allem hinsichtlich der Unterstützung durch Frankreich im Bereich Artillerie und Luftwaffe. Ebenso wurde eine neue Variante von Plan H erarbeitet, welche 3 Armeen einbezog: die “Armée d’Alsace”, die “Armée du Jura” und die “Armée de Genève”.
Der letzte "Plan H" wurde Anfang 1918 entwickelt. Der am 19. Januar vorgestellte "Plan H'" (bereits im Oktober 1917 unter Einbeziehung englischer und italienischer Truppen entwickelt) gab dem Projekt eine größere Reichweite: zunächst 3 Divisionen (eine davon britisch), später sogar 4, sollten einerseits Simplon und Lötschberg, andererseits die Region nördlich von Gotthard nehmen. Die im Anschluß aus Italien vorstoßenden Verbände sollten aus italienischen, britischen und 2 französischen Gebirgs-Divisionen gebildet werden. Jedoch wurde die Beteiligung italienischer Truppen an der Verteidigung der Schweiz von Schweizer Seite abgelehnt. Somit nahm keine italienische Delegation an den Verhandlungen von Dijon am 4. März und denen von Lyon am 6. März 1918 teil, bei denen französische, britische und Schweizer Offiziere ein letztes Mal "Plan H" erörterten ( "Plan H" und "Plan H'" wurden im Februar 1918 miteinander verschmolzen).
Ein kurzer Blick auf die Chronologie der Ereignisse verdeutlicht, warum "Plan H" niemals zur Ausführung kam:
- 1915 planten die Franzosen eine Überquerung der Schweizer Grenze um einen schnellen Angriff bis in den Süden Deutschlands hinein, Kämpfe gegen Schweizer Truppen einkalkuliert, vorzutragen. Jedoch wurde die Stärke der Schweizer Armee 1915 auf 220000 bis 300000 Mann geschätzt, letztlich eine durchaus abschreckende Streitmacht (150000 Mann aktive Truppen, 70000 in der Landwehr, 70000 im Landsturm und zusätzlich noch 200000 Mann Hilfstruppen); andererseits hätte eine Verletzung der Schweizer Neutralität Frankreich zwangsläufig aus dem Verband der "zivilisierten Nationen" ausgeschlossen, so wie das mit Deutschland nach der Grenzverletzung Belgiens der Fall war. Diese beiden Punkte gaben wohl den Ausschlag dafür, den Angriff wie ihn "Plan H" vorsah, nicht zu starten.
-1916 unternahmen Franzosen und Schweizer Anstrengungen bezüglich einer militärischen Verteidigungs-Kooperation gegen Deutschland für den Fall eines deutschen Angriffes gegen die Schweiz. Diese begannen nach der Schlacht von Verdun und wurden auch während der Somme-Schlacht fortgesetzt. Dieser Plan wurde bis zum Ende des Jahres diskutiert und ersetzte den Plan einer Offensivoperation aus dem Jahre 1915. Die Entscheidung für diese Option war sicherlich von der großen Zahl von Opfern, die das Jahr 1916 kostete, maßgeblich mitbestimmt.
-1917 führten die Gespräche zu einer Fortsetzung der Kooperation, die Franzosen erweiterten diese jedoch dahingehend, daß sie Pläne über die Stationierung von Deckungstruppen entlang der Grenze zur Schweiz entwickelten. Als sich die Lage in Russland negativ entwickelte, bereiteten sich die Franzosen mehr und mehr auf eine mögliche deutsche Invasion Italiens oder Ostfrankreichs durch das Gebiet der Schweiz hindurch vor, welche jedoch nie stattfand.
-1918 wurde eine mögliche Invasion der Schweiz deutscher oder österreichisch-ungarischer Truppen zunehmend unwahrscheinlich, was sich bald dadurch bestätigte, daß die Deutschen starke Aktivitäten in der Mitte der französischen Front entwickelten. Da die große Schlacht nun anderenortes stattfand, schien sich das Interesse für die Schweiz in Luft aufzulösen, Plan H war plötzlich Makulatur. Andererseits wäre der Einsatz unerfahrener britischer Truppen, aus Italien kommend, im Gebirgskrieg ohnehin ein großes Wagnis gewesen. Letztlich sorgte die Tatsache, daß die Schweiz sich strikt weigerte, Italien an den Gesprächen bezüglich der Kooperation und somit an der potentiellen Verteidigung der Schweiz teilnehmen zu lassen im Endeffekt zusätzlich für eine Schwächung des französischen Planes.
Resümierend kann man sagen, daß die Anstrengungen
bezüglich "Plan H" mehr und mehr schwanden:
von einem Offensivplan im Jahre 1915, der sogar eine
Verletzung der Schweizer Souveränität vorsah, wurde er 1916 in
einen Plan bezüglich einer Defensiv-Kooperation umgewandelt, sah dann
lediglich noch die Verstärkung der französischen Grenzschutz-Aktivitäten
vor und endete mit der Aufgabe des Planes, der mittlerweile in der Durchführung
viel zu kompliziert und, vor allem, nutzlos und unnötig war.
Quellen: französische Dokumente sowie PD Dr. H.R. Fuhrer, „Die
Schweizer Armee im 1. Weltktieg“ – Bedrohung,
Landesverteidigung und Landesbefestigung“, 780 Seiten, NZZ-Verlag Zürich,
1999+2001, ISBN 3-85823-798-1.
Ich möchte meinen tiefen Dank an Oswald Schwitter (Homepage siehe Linkliste)aussprechen,
der mir bei derRecherche und letztlich bei der gesamten Arbeit an "Plan H" so sehr behilflich war!
Dank auch an Renaud Meunier ( "La Der des Ders") für die Übersetzung der Karten!Eric Mansuy, im Januar 2001.
|
|
|
|