Drei Orden und ein Foto
Mein Ur-Großvater im Infanterie Regiment 126
Obwohl ich mich schon seit Jahren, mal mehr mal weniger intensiv mit der Geschichte des ersten Weltkrieges befasse, seit Jahren immer mal wieder im Elsaß die historischen Stätten besuche, kam mir erst vor wenigen Monaten die Idee, einmal die Frage zu stellen, ob nicht einer meiner Vorfahren als Soldat im Weltkrieg stand. Ich glaubte schon einmal gehört zu haben, daß mein Urgoßvater Josef Singer "früher mal" Soldat war. Es dauerte nicht lange und ich fand im elterlichen Fotoarchiv drei Bilder, die meinen Vorfahren in Uniform zeigten. Zwei dieser Bilder konnte ich sehr schnell wieder zur Seite legen, es zeigte Josef in einer Uniform des Reichswehr Infanterie Regiments 13, also einer Formation, die erst nach Kriege gegründet wurde. Sicherlich auch ein interessantes Forschungsgebiet, doch ich wollte mich ja auf die Zeit von 1914-1918 konzentrieren. In diesem Zusammenhang war das dritte Bild ein Volltreffer. Es zeigte meinen Urgroßvater in feldgrauer Uniform mit der typischen "Pickelhaube", eine Art Namenstafel am unteren rechten Bildrand trug die Aufschrift "Singer". Meine Spurensuche konnte somit also beginnen!
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So sah er also aus, mein Uropa als junger Mann, wann dieses Bild entstand wußte ich zunächst noch nicht, außer seinem Namen und seinem Geburtsdatum (29.12.1892) war mir so gut wie nichts von ihm bekannt. Er, der den Krieg überlebte, starb in den 50´er Jahren nach schwerer Krankheit. Meine Mutter war damals noch ein kleines Kind, sie hat so gut wie keine Erinnerung an ihren Opa. Weitere Zeitzeugen, d.h. Leute, die ihn noch persönlich gekannt haben, gibt es meines Wissens nach nicht. Doch ich hatte ja das Bild und -es lebe das Internet!- einige Kontakte zu Leuten, die in solch einer alten Fotografie lesen wie andere in einem Buch. Aus der auf den grauen Helmbezug gedruckten Zahl 126 (beim linksseitigen "Scan" nur sehr schwer zu erkennen) entnahm ich zunächst, daß mein Uropa wohl im Infanterie Regiment 126 gewesen sein muß. Einzelheiten zu diesem Regiment waren mir jedoch nicht bekannt. Folgende Mitteilung meines Freundes Hinrich Dirksen, dem Begründer des Forum 14-18 erreichte mich, nachdem ich ihm eine Kopie des Bildes schickte: |
"Das Bild zeigt Deinen Ur-Großvater tatsächlich als Angehörigen des I.R.126 (ich werde dazu noch was raussuchen). Er trägt den grauen Feldrock Modell 1907. Er ist feldmarschmäßig angezogen und trägt das Gewehr M 98 mit dem langen Seitengewehr M 98. Mit dieser "Aufmachung" ist die Infanterie 1914 ausmarschiert. Ich denke daher, daß das Foto so etwa 1911/12 bis (und das finde ich wahrscheinlicher) Kriegsbeginn aufgenommen wurde. Man nennt ja daher diese Art Fotos auch Ausmarschfotos."Etwa zum selben Zeitpunkt fanden sich in einem Kästlein im Nachlaß meiner 1974 verstorbenen Urgroßmutter 3 Orden, ein "EK II.", ein "Ehrenkreuz für Frontkämpfer" und die "Württembergische Dienstauszeichnung (12 Jahre)". Außerdem eine Abschrift ihrer Heiratsurkunde, welche im Original auf den 19.05.1917 datiert war. Eine der vielen "Kriegshochzeiten" also. Was mich jedoch besonders freute, waren die Angaben zur Person meines Ur-Opas:
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Es war nun also definitiv, daß mein Josef 1917 Unteroffizier im Infanterie Regiment 126 war, ich konnte also beginnen, nähere Informationen über diese Einheit einzuholen. Die genaue Bezeichnung der 126´er lautete "8. Württembergisches Infanterie Regiment Nr. 126 Großherzog Friedrich von Baden". Es hatte seine Garnison seit 1871 in Straßburg, wo es als württembergisches Kontingent dem XV. Preußischen Armeekorps zugeteilt war. Davon ausgehend, daß mein Urgroßvater wie damals üblich seinen Militärdienst mit 20 Jahren angetreten hat, also wohl 1912, war davon auszugehen: Der alte Josef war bereits vor dem Krieg in Straßburg, also im Elsaß! Eine halbe Weltreise von seiner Heimatstadt Mannheim entfernt, aus damaliger Sicht. So kannte wohl auch er schon diese tolle Stadt und ihre wunderschöne Umgebung, die mich - sowohl als auch- heute immer wieder in ihren Bann ziehen! Zufall?
In den entsprechenden Foren des Internets startete ich
von nun an Suchanfragen zum Thema "I.R.126",
ich begann zudem, die im Internet vertretenen Antiquariate
nach geeigneter Literatur zu durchforsten. Als besonders hilfreich erlebte
ich hierbei den Suchmodus den das Zentrale Verzeichnis Antiquarische Bücher
(ZVAB)
anbietet. So erstand ich recht schnell das Buch "Die Württemberger
im Weltkriege 1914-1918", von Genaralleutnant Otto von Moser. Zudem versuchte
ich, lange Zeit vergebens, die sog. Regimentsgeschichte der 126´er
zu erwerben, welche die Wege und Taten des Regiments im Weltkrieg nachzeichnet:
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Das 8. Württembergische Infanterie Regiment Nr. 126 Großherzog Friedrich von Baden im Weltkrieg 1914 - 1918 Belser Verlag; Stuttgart 1929 149 Abb, 33 Textskizzen, 376 Seiten Kurze Zusammenfassung der Weltkriegsgeschichte des Regiments |
Als ich schließlich, nach einem eigentlich zu tiefen
Griff in meine Geldbörse, diese Regimentsgeschichte
in Händen, die "Württemberger" ebenfalls eifrig
durchforstet hatte, ergaben sich daraus zahlreiche Er-
kenntnisse über das Regiment, den Weltkrieg allgemein
und sogar über die ersten Kämpfe im August 1914 im Elsaß!
Meine eigentliche Hoffnung, nämlich die Spur in Richtung meines Urgroßvaters
mit Hilfe der Bücher weiterverfolgen zu können, erfüllte
sich jedoch nicht. Genau betrachtet war die Chance hierfür auch mehr
als gering! Also mußte ich meinen letzten Trumpf ausspielen. Über
meine Recherchen im Internet wußte ich inzwischen, daß das
Hauptstaatsarchiv in Stuttgart (HStAS)
über einige laufende Meter an Unterlagen über das Regiment meines
Uropas verfügt. Besonders interessierten mich natürlich die sog.
Kriegsstammrollen. Das sind Bücher, in denen, ähnlich einer Personalakte,
alle wichtigen Daten jedes einzelnen Soldaten des Regiments festgehalten
wurden! Glücklicherweise wurden diese Art Unterlagen bezüglich
der württembergischen Truppen im 1.Weltkrieg nicht im 2.Weltkrieg
bei Luftangriffen zerstört, wie das bei vielen anderen Archiven der
Fall war.
So stand ich dann eines Tages recht nervös im Lesesaal des HStAS und trug dort mein Anliegen vor. Ich erfuhr, daß die Stammrollen kompanieweise nach dem Alphabet geordnet wurden, es zu jeder Kompanie also ein entsprechendes Namens-Suchbuch gibt. Den Namen wußte ich ja natürlich, aber in welcher Kompanie mein Urgroßvater war? "Keine Ahnung", hörte ich mich sagen! Ohne diese Angabe würde es unter Umständen Tage dauern, meinen Josef Singer und somit seine "Personaleinträge" zu finden! Wohl meine Enttäuschung bemerkend fragte mich der Mitarbeiter plötzlich, ob ich um eventuelle Verwundungen bei meinem Urgroßvater wisse, da in diesem Fall die Verwundetenkarteien eventuell Aufschluß über die genaue Truppenzugehörigkeit des Soldaten geben könnte. Fänden wir einen Eintrag über einen Lazarettaufenthalt, so könnten wir in diesem die Kompanie ablesen. Ich wußte natürlich nichts über irgendwelche Verwundungen, auf meine Bitte hin machte sich jedoch ein Mitarbeiter des HStAS auf in Richtung der Außenstelle, in der diese Kartei aufbewahrt wurde. Eine Stunde später lagen dann 2 Kopien vor mir auf dem Tisch, welche von 4 verschiedenen Lazaretten die Einlieferungs- bzw. Entlassungsdaten, den Grund der Einlieferung und einige weitere Daten enthielten. Sie waren ausgestellt auf Josef Singer, Gefreiter bzw. Unteroffizier, 9.Kompanie, Infanterie Regiment 126. Ein weiters Puzzle-Teil war also gefunden! Somit gelangte ich nun problemlos an den Eintrag über meinen Urgroßvater in der Kriegs- stammrolle. Eine wahre Flut von Daten und Informationen ergoß sich nun förmlich über mich! Es dauerte einige Zeit, die in der Süderlinschrift verfassten Einträge entziffern bzw. die Abkürzungen verstehen zu können. Dazu kam, daß mein Vorfahre nach einer seiner Verwundungen 1916 ins Ersatzbatallion nach Zuffenhausen versetzt wurde (auch zu diesem existiert eine Stammrolle, die ich einsehen konnte), wo sich, nach einigen Batallionsinternen Versetzungen, am 24.07.1917 mit einer Versetzung ins "1. Depot" seine Spur wieder verliert. Diesbezüglich werde ich dem HStAS einen weiteren Besuch abstatten müssen, doch zunächst begnüge ich mich mit der Auswertung der mir bis heute vorliegenden Daten sowie dem Abgleich derselben mit den Angaben in der Regimentsgeschichte. Über das Resultat meiner Spurensuche bin ich doch sehr zufrieden, ich habe einiges an Information über die Militärzeit meines Vorfahren zusammengetragen. Alles allerdings letztlich nur Daten, Zahlen, Ortsangaben. Über Gefühle wie Angst, Freude, Trauer sagen sie freilich nichts aus. Das, was den Menschen Josef Singer letztlich ausmachte, scheint tatsächlich unwiederbringlich verloren zu sein. Oder?
Untenstehende Tabelle faßt alle Angaben der Stammrolle der 9.Kompanie zusammen, die Daten in der Stammrolle des Ersatz Batallions sind nicht aufgeführt, da von untergeordneter Bedeutung. Die Zeit von Sommer 1917 bis Kriegsende ist mittlerweile in untenstehendem Nachtrag ergänzt!
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Die in der Stammrolle verzeichnete "silberne Württembergische
Verdienst Medaille" ist heute, aus welchem Grunde auch immer, nicht mehr
im Besitz der Familie. Darüber hinaus stellte sich bei der Auswertung
einer inzwischen aufgetauchten Ordensspange meines Ur-Großvaters
(die vermutlich aus der Zeit seines Ausscheidens aus der Reichswehr 1921
stammt) heraus, daß er wohl auch die "silberne Badische Verdienst
Medaille" erhalten haben muß. Wann und vor allem warum, dies ist
anhand der Stammrolle nicht ersichtlich und somit noch nicht geklärt.
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schwarz-gelbes Band der s.W.V.M. |
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Band der Dienstzeitauszeichnung |
Nachtrag
Bei einem meiner Besuche im Staasarchiv Stuttgart machte ich kürzlich völlig zufällig eine interessante Entdeckung. Beim Blättern in den Stammrollen vom
Infanterie Regiment "Alt-Württemberg" (3. Württembergisches) Nr.121
stieß ich auf den Namen Josef Singer! Wie sich schnell
herausstellte, handelte es sich nicht um eine zufällige Namensgleichheit,
sondern tatsächlich um meinen Ur-Großvater, der im Sommer 1918
zu diesem Regiment versetzt wurde! Somit ist es mir nun möglich, den
Weg Josef Singers durch den Weltkrieg bis zu seiner Heimkehr lückenlos
nach zu skizzieren und die Chronologie wie folgt zu ergänzen:
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Vom Waffendienst befreit zur Leistung von Arbeitsdienst! |
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zur 3. Ersatz Kompanie Ersatz Bataillon I.R. 121 versetzt. |
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ins Feld 1./121 |
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als krank ins Feldlazarett, Krippe. (Laut Regimentsgeschichte sind zu jenem Zeitpunkt etwa 60% der Soldaten an Krippe erkrankt). |
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als Felddienstfähig zur Kompanie zurück |
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er erhält Verwundetenabzeichen in schwarz für zweimalige Verwundung. |
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zum Sergeant befördert |
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Infolge Demobilisierung nach Ludwigsburg, Bez. Kdr. Ludwigsburg, zurück und dort entlassen. |
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