die Spuren des bayer. Landw. Inf. Reg. Nr.1
und ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit
Wie wir aus der Regimentsgeschichte des Landwehr Infanterie Regiments Nr.2 bereits erfahren haben, stand im Juli 1915 das Landwehr Infanterie Regiment Nr.1 in den deutschen Stellungen zwischen dem Sattel Schratzmaennele-Lingenkopf und Urbeis, stellte also auch die sog. Lingekopfbesatzung. Beide Landwehr-Regimenter bildeten zusammen die 1.(bay.) Ldw.Inf.Brig. und waren in jenen Tagen in den Verband der 6. (bay.) Ldw.Divis. unter General Schmidt eingegliedert. Neben der Schilderung in o.g. Regimentsgeschichte gibt es auch heute, gut 85 Jahre nach der 2. Schlacht um Munster, am Linge noch eindeutige Spuren, die auf die damalige Anwesenheit des L.I.R.Nr.1 hinweisen. So steht außerhalb des Museumsareals, links der Straße, welche vom "Memorial" hinab zum Friedhof am Bärenstall führt, noch heute ein Unterstand aus Beton. Ich vermute, daß er 1915 Bestandteil der damaligen 3. deutschen Linie, einer sog. Hinterhangstellung, war. Über dem Eingang haben die Erbauer die Insignien ihrer Einheit in den wohl noch feuchten Beton geritzt.
![]() |
![]() |
Etwa Mitte Juni begannen die beiden Landwehr Regimenter zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit ihrer Abschnitte dem bisher einzigen Kampfgraben einen zweiten hinzuzufügen. Da die französische Artillerie den bisherigen 1. Kampfgraben, die Annäherungsgräben und das gesamte Gelände bis hinab zum Bärenstall immer wieder bestrich, war in diesem Bereich der vor Sicht schützende Wald schon erheblich gelichtet. Also entschied man sich, den neuen Graben vor dem bisherigen Kampfgraben, also dem Feind zugewand, anzulegen. Dies hatte den entscheidenden Vorteil, daß, des dort noch dichten Baumbestandes wegen, die französische Aufklärung die Bauarbeiten nur schwerlich bemerken würde. Von welch enormer Bedeutung ein unentdeckter Graben im Falle eines feindlichen Angriffes wäre, kann man sich leicht denken! Wie wir heute wissen, gelang es der 2. Landwehr, Mitte Juli den neuen Graben so weit fertig zu stellen, daß er besetzt werden konnte, doch wie sah es bei den rechten Nachbarn, den 1´ern aus?
Soweit die Voraussetzungen vor dem Sturm der Jäger. Am 20.07.1915 ab 05.00 Uhr in der Früh begann französische Artillerie mit 106 Geschützen die planmäßige Zerstörung der deutschen Linien, wobei alle Kaliber zum Einsatz kamen. Nach einem ersten vergeblichen Angriff französischer Infanterie-Linien um 13.00 Uhr und einer diesem folgenden nochmaligen Steigerung des Artilleriefeuers bis 15.00 Uhr erfolgte der eigentliche Ansturm der Infanterie. Aus Sicht der 2. Landwehr am Schratz sah dieser zunächst folgendermaßen aus:"Landw.Inf.Rgt.1 hob im Anschluß rechts an die vorgeschobene Linie einen Graben 1. Linie vor seiner Lingenkopfstellung aus, blieb mit dessen Ausbau aber im Rückstand und besetzte ihn daher trotz des dringenden Antrags des Landw.Inf.Rgt.1 nicht."
(von Hübner, 1923, S.62/63)
Der Ablauf dieses Angriffes stellt aus französischer Sicht wie folgt dar: Von rechts (Barrenkopf) bis links (Lingenkopf) stürmen zunächst die folgende 5 Alpenjäger Batallione (BCA), die zur 3. Infanterie Brigade (129 Inf.Div) gehören: 22., 30., 70., 14., 54. Der Angriff der Batallione 22, 30 und 70 bricht schnell im deutschen Abwehrfeuer zusammen, den Grund für dieses Fiasko kennen wir bereits:Wiederum trat der Feind in 5 losen Wellen hintereinander zum Sturm an...Am Fuße des Schratzmaennele geriet der Feind überaschend in das Feuer unserer ...5.Kompanie. Unsere neu angelegte 1. Linie war vom Feinde nicht entdeckt worden und daher von seinem Artilleriefeuer verschont geblieben. Er machte hier gar keine Fortschritte. Wohl aber nahm er rechts der 5. Komp. Besitz von dem vom Ldw.Inf.Rgt.1 angelegten aber nicht besetzten Graben am Westhange des Lingenkopfes und bedrängte von hier aus stark den rechten Flügel dieser Kompanie und besonders auch die Lingenkopf-Besatzung des Ldw.Inf.Rgts.1
(von Hübner, 1923, S.65)
Lediglich der Angriff auf die eigentliche Lingenkopfstellung - und auch diesbezüglich decken sich die bayerischen und die französischen Quellen erstaunlich genau - können die Angreifer bescheidene Erfolge verzeichnen. Es ist zu vermuten, daß das 14. und das 54. BCA unverhofft auf den halbfertigen Graben der 1.Landwehr stießen, sich dort festsetzten, diesen ausbauten um ihn als Ausgangsstellung für weitere Operationen zu nutzen:"Der Mittenangriff wird unmöglich und wird ... abkommandiert...Grund dazu: die Artillerie hat die deutschen Stellungen nicht genügend zerstört."
(Durlewanger, 1988, S.72)
Allein das 14.BCA verliert bei jenem Angriff die Hälfte seines Bestandes, Reservekompanien anderer BCA´s werden eingeschoben. Für die deutschen Verteidiger der Lingenkopfstellung ist die Tatsache, daß sich der Gegner nur wenige Meter vor der eigenen Stellung festsetzen will natürlich nicht hinnehmbar. Da die deutsche Artillerie die neue französische Linie nicht beschießen kann, ohne dabei zwangsläufig zur Bedrohung der eigenen Truppen zu werden, muß die Infanterie aus eigener Kraft versuchen, die mehr als unliebsamen "neuen Nachbarn" zu vertreiben. Es kommt zu erbitterten Nahkämpfen. Diese finden dann aufgrund ihrer Heftigkeit sogar im Tagesbefehl des "großen Hauptquartiers" in Berlin im Tagesbefehl zum 20.07.1915 Erwähnung!"Am linken Flügel dringt das 54.BCA in den westlichen Vorsprung des Linges ein und erklettert dann weiter nach rechts den Gipfel des Schratz am Kamm entlang. Es wird im Unterholz von den Maschinengewehren der unbeschädigten deutschen Bunker zusammengeschossen. Dem 14. BCA gelingt es trotz schwerstem Sperrfeuer, im Waldrand des Linges einzudringen. Aber es wird ebenso von Maschinengewehren angehalten und kann nicht gegen den Kamm vordringen... Nur einzelne Spitzenelemente können für kurze Zeit den Collet erreichen."
(Durlewanger, 1988, S. 70)
Ein Hinweisschild auf dem Museumsareal spricht heute frei
übersetzt von einem "schwachen Versuch" eines französischen Grabens,
der im Verlauf der wiederholten Angriffe von Juli bis Oktober 1915 nur
sporadisch besetzt war. Ich glaube man kann davon ausgehen, daß es
sich bei diesem Graben, der wenige Meter unterhalb der heute als erste
deutsche Linie bezeichneten Stellung verläuft, um jenen im Juli 1915
in einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit unvollendet
gebliebenen und deshalb letztlich auch nicht besetzten deutschen Kampfgraben
handelt.
Erste deutsche Linie am Lingenkopf in Richtung Schratz |
![]() |
|
|
|
|