Mit den Alpenjägern am Lingekopf


Beschäftigt man sich mit den Kämpfen in den Vogesen, so kommt man nicht umhin, sich mit jenem Teil der französischen Armee zu befassen, der untrennbar mit den Geschehnissen in dieser Region, ins- besondere mit dem Drama des Lingekopfes, verbunden ist. Die Rede ist von den französischen Jägern!
Zahlreiche verschiedene Bataillone der "Jäger zu Fuß" (BCP=Bataillon Chasseurs A Pied) sowie der wohl noch bekannteren "Alpenjäger" (BCA=Bataillon Chasseurs Alpin) kämpften neben klassischen Infanterie-
Regimentern u.a. am Hilsenfirst, Reichackerkopf, in Metzeral und natürlich an der Lingenkopffront. Die Jäger waren Rückgrat und Herzstück der französischen Verbände und genossen darüber hinaus bei den deutschen Soldaten großen Respekt. Folgende Passage, die einer Schilderungen der Kampfhandlungen
der 26.Res.Div. Ende August 1914 bei Grendelbruch vorangestellt ist, mag hierfür als Indiz gelten:

"Dieser Gegner bestand aus französischen Elitetruppen, insbesondere aus zahlreichen Alpenjägern. Aufgewachsen in den Bergen, fühlten diese sich in den Vogesen in ihrem Element; dazu kam noch der vorzügliche Geist, der die Jäger beseelte. Auf Hochsitzen, in Baumwipfeln und Felsklüften einzeln versteckt sandten sie uns ihr tödliches Blei entgegen."
                                                                                                                                 (v.Moser, 1927, S.189)
Bei ihrer Offensive gegen die Linie Lingenkopf-Schratzmann-Barrenkopf, die am 20.07.1915 nach intensiver Planung und Vorbereitung losbrach, setzte die französische Armeeführung ganz bewußt ihre Jäger in großer Konzentration ein. Unbedingt sollte das Ziel, die Bergkette den Deutschen zu entreißen und somit von Norden über die Berge die Stadt Munster nehmen zu können, erreicht werden. Also stürmten nun an jenem "J-Tag" die Jäger in dichten Wellen die Hänge hinauf, den deutschen Stellungen entgegen, direkt und nahezu schutzlos in das massive Abwehrfeuer der Verteidiger hinein. Schon nach kürzester Zeit kam der Angriff fast überall zum Stocken, die Jäger hatten entsetzliche Verluste. Das vor-
gegebene Ziel, einen nachhaltigen durchbruch über den Kamm des Lingenkopfes hinweg, erreichten sie nicht. Nicht an jenem Tag und auch an keinem anderen Tag während der folgende "3 blutigen Monate",
wie man später diese Kampfperiode bis zum 15.10.1915 nennen sollte. Die Erstürmung diese Berges
sollte sich als unmöglich herausstellen. Zu gut die Befestigungen des Gegners, zu ungeeignet für einen Angriff das steile felsige Gelände, zu gering die Möglichkeit für die französische Artillerie, die stürmenden
Jäger wirksam und nachhaltig zu unterstützen. Bis zur Erlangung dieser Erkenntnis verloren etwa 10000 französische Soldaten ihr Leben. Die enorm hohe Zahl von Jägern unter den Gefallenen brachte dem Lingenkopf den Beinamen "Grab der Jäger" ein. So veröffentlichte Fernand Tisserand im Jahre 1969 ein Buch unter eben diesem Titel. Die "Urheberrechte" an diesem Namen können zweifellos die deutschen Soldaten beanspruchen, die vor den Tagen des Sturmes am Lingenkopf in Stellung lagen. Um dies zu erleutern und um die Vorgänge beim Sturm der Jäger am 20.07.1915 zumimdest ansatzweise etwas zu veranschaulichen, soll folgender Text dienen:
"Am rechten Flügel wird das  22. BCA sofort von flankierenden Beschießungen unter Feuer genommen, seitens der Steinbrüche des Schratzes. Ein frontales Feuer schlägt ihnen von den Bunkern des Barrenkopfes entgegen. Die Überlebenden der vernichteten ersten Angriffswelle fließen zurück, unter größten Verlusten, in ihre Ausgabgsgräben. Der Bataillonschef Richard wird in seinem zerschlagenen Gefechtsstand von einer 210´ er Granate getötet. Sechs Offiziere und 186 Jäger sind gefallen . Mehr als 400 andere sind verletzt. Ein Drittel des Bestandes ist außer Gefecht. Die Überlebenden bringen Anschlag- tafeln mit sich zurück, die sie in den deutschen Stacheldrahtnetzen aufgehängt fanden, und auf denen ironisch geschrieben stand: "Der Linge wird zum Grab der Jäger. Wir warten auf euch!""
                                                                                                                        (Durlewanger, 1988, S.69/70)
Der Lingenkopf wurde zum Grab der Jäger, das Jahr 1915 zum schwarzen Jahr in der Geschichte dieser ruhmreichen Truppe. Allein 20000 von ihnen fielen in diesem Jahr, im gesamten Weltkrieg waren es über 50000, wobei die Jäger auch an vielen anderen Abschnitten den Westfront, so u.a. vor Verdun, an der Somme und beim Sturm auf die Hindenburglinie eingesetzt waren. Heute erinnern vor allem Denkmäler und Inschriften am Lingenkopf und auf den französischen Soldatenfriedhöfen an die Gefallenen. So befindet sich am Colet des Lingenkopfes das Ehrenmal der 5.BCP. Es erinnert an die 48 Offiziere und 2160 Unteroffiziere und Jäger des Bataillons, die im "Großen Krieg" gefallen oder seitdem vermisst sind.

(v.l.: Jägerdenkmal/ Aufstieg zum Schratz/ Fundstelle eines gefallenen Franzosen)

Ein weiteres Gefallenendenkmal am Sockel des Friedenskreuzes auf dem französischen Linge-Friedhof
am Col Du Wettstein ist auch aus militärhistorischer Sicht sehr interessant. Es zeigt einen sterbenden Soldaten aus Bronze, die Plastik trägt folgende Widmung:

Les Diables Rouges
vom 15-2.
Aux Diables Bleus
Tombees en Alsace

Es gedenken hier also die roten Teufel den im Elsaß gefallenen blauen Teufeln. Hierzu eine kurze Er- leuterung: Bei schweren Kämpfen am Buchenkopf erwarben sich das 28. und das 30. BCA aufgrund ihrer Tapferkeit und Kampfmoral den Beinamen "Die blauen Teufel". Es ist davon auszugehen, daß sich dieser Beiname nach und nach auf alle Jägerbataillone, der dunkelblauen Uniformen wegen, übertrug. Das französische Infanterieregiment 152 trug den Beinamen "Die roten Teufel". Dieses Regiment kämpfte vor allem am Hartmannsweilerkopf (HK) Seite an Seite mit den BCAs. Freud und Leid liegen für dieses Regiment sehr nah beieinander. Beim großen französischen Angriff auf die deutschen Stellungen am
HK (21.12.1915) erragen die roten Teufel einen ausgezeichneten Erfolg. Jedoch wurde bereits am nächsten Tag beim überraschenden deutschen Gegenstoß dieses Regiment nahezu völlig aufgerieben und vernichtet. Es mußte im Anschluß fast gänzlich neu aufgestellt werden. Heute ist obige Gedenktafel auch eine Erinnerung an die enge Verbundenheit von Infanterie 152 (linker Soldat mit franz.Stahlhelm und Aufschrift 152 am Kragen) und den Alpenjägern (rechts mit typischer "Tellermütze", am Kragen das Jagdthorn, Symbol der Jägertruppe).
Ebenfalls auf dem Friedhof "Le Linge" findet man eine Tafel, die an die am Lingenkopf kämpfenden einzelnen Jägerverbände erinnert. Wir sehen die Namen von 40 Bataillonen, darunter 25 BCAs und einer speziellen Skifahrer-Kompanie des 28 BCA. Darüber wieder das Symbol der Jäger, das Clairon.
 


Foto: Gerhard Friedrich Dose

Es soll an dieser Stelle keineswegs verschwiegen werden, daß auch die deutschen Verteidiger des Lingenkopfes schwere Verluste erlitten. So fielen bis zum Abflauen der Kämpfe Ende Oktober nach offiziellen Angaben etwa 7000 Soldaten. Den deutschen Landwehr und Reserve-Infanterie Regimentern standen auch einige Jägerformationen zur Seite. Zu nennen sind hier wohl vor allem das Garde-Jäger-Bataillon, die 14. Mecklenburgischen Jäger und das 8. Reserve-Jäger-Btl. Viele dieser deutschen Jäger fanden auf den Friedhöfen am Bärenstall und in Breitenbach ihre letzte Ruhestätte.



 
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