Die Geschichte einer Feldpostkarte



Vorbemerkung:  "Die Geschichte einer Feldpostkarte" erzählt Hinrich Dirksen. Er ist der Urenkel des am 02.08.1915 am Lingekopf gefallenen Harm Dirksen, über dessen Schicksal er ausführlich auf der Web-Site www.forum14-18.de berichtet! Lieber Hinni, "auch das Zufälligste ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Notwendiges", sagt Schopenhauer.
Ich sage: Vielen Dank!!
 

        Liebe Frau und Kinder.

Mir geht es sehr gut, schick Euch hiermit eine Photographie. Das sind ich und Udo und der kleinste heißt Schön und der lange heißt Schulte. Zeitung von Gestern habe ich erhalten ist in zwei Tagen angekommen. Vielleicht werdet ihr jetzt wohl die anderen Karten erhalten haben.
Bin jetzt wieder bei einer Gewehrgranaten Abteilung, wo ich früher auch schon mal bei war. Da wird man richtig nervös von, aber das wird auch wieder besser wenn man es erst gewohnt ist.                     Viele Grüße  H. Dirksen
Ende Juli 1915 schrieb der 36-jährige Gefreite Harm Dirksen auf die Rückseite der Feldpostkarte diese Zeilen an seine Frau und die beiden kleinen Kinder nach Emden in Ostfriesland. Er ist der sitzende Mann, vorne im Bild. Die Aufnahme wurde irgendwo in der Nähe von Schlettstadt im Elsass gemacht. Er war, wie alle Soldaten auf dem Foto, damals Angehöriger der 6. Kompanie des hannoverschen Reserve Infanterie Regiments Nr. 74. Nachdem er zunächst in einer anderen Einheit an den Kämpfen in Flandern teilgenommen hatte, war er, im Oktober 1914 verwundet, nach einem mehrwöchigen Lazarettaufenthalt
diesem Regiment im Februar 1915 zugeteilt worden.
Die Kämpfe in der Champagneschlacht hatten im R.I.R 74 viele Opfer gefordert. Nach einer kurzen Ausbildungs- und Ruhezeit wurden die Niedersachsen im Mai 1915 an die Front im Elsaß verlegt, um an der Schlacht bei Metzeral/Münster teilzunehmen.Während dieser Ruhezeit wollte es der Zufall, daß Harms Vetter Udo Dirksen derselben Kompanie zugeteilt wurde. Er ist auf dem Bild hinten in der Mitte zu sehen.  In der Schlacht um Metzeral hatte das Regiment ebenfalls schwere Verluste, doch Harm wurde von den schlimmsten Kämpfen verschont.
Den Juni - Juli 1915 verbrachte er mit einer Typhusinfektion in einem Seuchenlazarett bei Colmar. Nach seiner Genesung kehrte er zum Regiment zurück, das sich zu dieser Zeit wieder einmal zur Auffrischung in Ruhe befand. Im Grunde gibt das Bild nicht viel an Informationen her. Alle tragen die Uniform der damaligen Zeit, Harm Dirksen und der rechte "Schön" sind Gefreite - sie dienen schon längere Zeit. Udo Dirksen und der linke Soldat "Schulte" sind noch nicht befördert, weil sie frisch ausgebildet beide im April 1915 zum Regiment gekommen sind. Ein ganz normales Soldatenfoto, wenn da nicht diese Gesichter wären. Ich frage mich immer, was haben diese Männer gesehen, was haben sie mitgemacht? Wie konnte man damals mit den Erfahrungen aus 12 Kriegsmonaten fertig werden? Heute kann es sich kaum jemand vorstellen, aber die Augen der Männer sprechen eine deutliche Sprache. Die Ruhezeit des R.I.R. 74 ging wie immer viel zu schnell vorüber. 
Am 31. Juli 1915 wurde das Regiment an einer Stelle der Vogesenfront versetzt, an der seit dem 20.Juli schwerste Kämpfe tobten. Am Lingekopf lagen die Soldaten aus dem flachen Ostfriesland den französischen Alpenjägern gegenüber. Schon in der Nacht zum 2. August 1915 griffen die Franzosen nach schwerer Artillerievorbereitung die deutschen Stellungen am Lingekopf an und besetzten nach hartem Kampf einen Abschnitt des Schützengrabens, der zuvor von Teilen des R.I.R. 74 aufgegeben worden war.
Am Abend des 2. August machte die 6. Kompanie den Versuch, die verlorenen Schützengräben zurückzunehmen. Dieser Angriff wurde jedoch abgeschlagen und die Kompanie mußte sich, 17 Vermißte im Niemandsland zurücklassend, zurückziehen. 37 Mann konnten verwundet geborgen werden.
Unter diesen vermißten und später für tot erklärten Männern war auch Harm Dirksen. Er fiel am 2. August, wenige Tage nachdem er die Fotopostkarte an seine Familie abgeschickt hatte.
Zwei Tage später griff das R.I.R. Nr. 74 die Spitze des Lingekopfes an und eroberte die französischen Stellungen am Abend des 4. August 1915.

Natürlich hatten alle vier Soldaten eigene Kopien der Postkarte erhalten und zwei Wochen später schickte Udo Dirksen die Soldatenaufnahme ebenfalls an seinen Vater und die Geschwister in Visquard / Ostfriesland. Er hatte den Angriff vom 2. August und die darauffolgenden Kämpfe unbeschadet überlebt.

            geschr. d. 17.8.1915
          Lieber Vater und Geschwister.
          Wir haben uns bevor wir ausrücken noch photografieren lassen, durch einen von unsere
          Komp. Ist nicht viel geworden, aber man ist doch zu erkennen. Ich hatte die Karte
          weggekriegt sonst hätte ich schon eher eine geschickt. Von diesen 4 bin ich noch alleine bei
          der Kompanie.  Harm gefallen.
          Der wo ich das Kreuz über gemacht habe ist verwundet, dann der Schulte ist auch
          verschwunden. Ob tot oder verwundet ich weiß es nicht.
 
Über die beiden Kameraden von Harm und Udo ist leider nichts bekannt. Udo Dirksen kehrte 1918 in seine Heimat zurück und starb 1964 in Uttum / Ostfriesland. Das Foto links zeigt Udo Dirksen und Schulte während ihrer Ausbildungszeit im Winter 1914/1915 in Hannover. 
In der Gefallenenliste des Reserve Infanterie Regiments Nr 74 steht folgender Eintrag : Gefreiter Friedrich Schön, 6. Kompanie, geboren am 10.11.1878, gefallen am 11.1.1916. 
Ob es sich hierbei um den Soldaten auf dem Foto handelt, konnte leider noch nicht ermittelt werden. 


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