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Wir sollen von der „Hundehütte“, dem Bataillonsgefechtsstand im linken
Abschnitt, einen Befehl nach vorne bringen und mit einigen Meldungen wieder
zurückkehren. Wir haben uns am Tage den Weg von einem hochgelegenen
Graben aus angesehen und meinen, ihn in der Nacht leicht finden zu können,
obgleich wir ihn zum allererstenmale machen. Als es dunkel geworden ist,
schnallen wir um, nehmen Stahlhelm, Gasmaske und Handstock und gehen los.
Wir können gerade über die kleine Anhöhe hinweg zum
Cariusstollen hinuntersteigen, aber dort müssen wir durch Stacheldraht
hindurch, der infolge des häufigen Beschusses wirr über die schmalen
Steige hängt und wenn man im Dunkeln erst einmal im Stacheldraht,
im niedrigen Stolperdraht festsitzt, dann beginnen die Minuten, die alles
andere als vergnüglich sind. Gamaschen, Hose, Schnürschuhe –
alles wird festgehalten und zerrissen und ausgerechnet an den Stellen,
wo man nur nach vorsichtiger Prüfung hingetreten ist, weil man meint,
dort müsse der Draht bestimmt zu Ende sein, tritt man in neue Kneuel
hinein.
Wir holen also etwas links aus, um auf den breiten, mit Wagenspuren
versehenen Weg zu kommen. Es scheint eine dunkle Nacht zu werden. Um so
besser ist es, dass wir diesen nicht zu verfehlenden Weg eingeschlagen
haben. Man tritt mal in ein Loch oder auf einen Geschoßkorb, aber
in diesen Dingen ist man nicht mehr empfindlich. Die Hauptsache ist, dass
wir gerade noch die Umrisse des Hochbergs gegen den düsteren Himmel
erkennen. Dorthin sollen wir also. Hin und wieder steigt eine Leuchtrakete
auf. Dann sieht man deutlich die Warzen und Löcher des völlig
umgewühlten Berges und die Schatten der stangenkahlen, spärlichen
Baumstümpfe drehen sich mit der sinkenden Rakete über den Boden.
Bis es wieder dunkel ist, noch dunkler als zuvor. Man sieht dann nicht
einmal mehr die Umrisse des Berges.
Wir gehen immer weiter bergab. Bald müssen wir am Übergang
des Cariusstollens angelangt sein. Es soll dort eine windige Ecke sein.
Alle Augenblicke soll dort eine Lage hingesetzt werden, um uns den Nachschub
zu erschweren. Aber bis jetzt ist alles ruhig. Eine wundervolle warme Nacht.
Es ist wohl die Ruhe des späten Abends. Ein Gewehrschuß ist
soeben ganz rechts zu hören, gar nicht mehr in unserem Abschnitt.
Mit dumpfen, aber lautem Getöse krepieren zwei Handgranaten. Ohne
Widerhall erstickt die Luft den Schall. Solche Zwischenspiele machen die
Ruhe nur noch fühlbarerer......
Da – mit Abschuß da drüben zugleich ein Zischen nahe bei
uns, über uns, hinter uns – ach, die gehen noch weiter als „Hundehütte“
– zwei Schrapnells oben in der Luft. Den Kopf hat man ein wenig eingezogen.
„Der Franzmann ist aufgewacht.“
Da hinten soll er ruhig noch ein bißchen hinschießen, bis
wir über den Cariusstollen hinweg sind......
Wir scheinen da zu sein. Rechts ein Graben, offenbar hinter der alten
Straße Maronvillers – Nauroy.
„Ist da jemand?“ rufen wir. Keine Antwort. Da – wieder zwei Schrapnells
an dieselbe Stelle
„He! Posten!“
Es kommt jemand durch den Graben, ganz langsam, herangegangen.
„Sag mal, Kamerad, ist hier der Cariusstollen?“
„Wat seggst Du?“
„Ob dies der Cariusstollen ist?“
„Ja,‘n Stollen is hier. Büschen weiter längs.“
„Ist das denn der Cariusstollen?“
„Wat for’n.....dat weet ick nich! Kumm man dohl, dor boben schütt
he ümmer hen.“
„Wir haben keine Zeit! Geht es denn hier nach vorne?“ Es kommt ein
anderer, den wir aber im Dunklen nicht sehen und sagt uns, dies sei der
Cariusstollen und nach vorne ginge es über die Straße und dann
gerade auf den Trappelweg zu, der hole nachher im Bogen nach rechts aus
und brächte uns an den linken Grabenflügel der linken Kompanie.
Wir also losgetastet. Erst über die Straße. Es ist doch
verdammt dunkel. Sind wir nun noch auf der Straße? Oder sind wir
schon drüber hin? Sie sieht ebenso kreidig aus, wie der Aufwurf am
Cariusstollen. Halt, hier ist ein dunkler Strich. Das scheint früher
der Straßenrand gewesen zu sein. Und hier ist der Trampelweg, als
heller Strich deutlich sichtbar. Deutlich? Wir sind kaum 20 Schritt gegangen,
da ist es uns schon zweifelhaft, ob wir den Weg noch haben. Zwischen den
Trichtern sieht hier alles gleich aus. Trichter an Trichter ist hier. Einer
in dem anderen. Und auf den Rändern balanciert man entlang. Wir wollen
mal ein Stückchen zurück gehen, um den Weg dann von vorne......
Da geht plötzlich die Hölle los! Eine Lage krepiert gerade
auf der Straße, glauben wir wenigstens. Denn wir hocken bereits in
einem ziemlich tiefen Trichter, in den wir beide sofort instinktiv hineingesprungen
sind. Die Splitter sausen in die Erde. Da – noch eine Ladung. Verdammte
Schweinerei! Könnte man hier nicht weg? Nein, man bleibt wohl besser.
Und nochmals vier Schuß, freilich etwas weiter, jenseits der Straße
beim Cariusstollen. Neben mir liegen ein offenbar voller Speisenträger
und einige Patronengürtel......Aha, diese Lage rutscht schon wieder
nach hinten.
Wir kommen heraus. Ringsum Leuchtraketen. Wirklich ringsum, vorne,
links, rechts, hinten. Das ist doch Unsinn! Wie können dort in Richtung
Hundehütte Leuchtkugeln steigen!
Dort liegt auch gar nicht Hundehütte!
Was? Jetzt schlägt's dreizehn! Dort liegt nicht Hundehütte?
Wo denn?
Na, da drüben doch!
Da drüben? Da ist doch Luginsland......!
Jedenfalls stellt sich heraus, dass wir beide buchstäblich nicht
mehr wissen, was hinten und vorne ist, seit wir aus dem verdammten Trichter
kommen. Den Hochberg sieht man nicht mehr gegen den Himmel. Die Raketen
fallen von uns weg oder auf uns zu; wir wissen es nicht mehr zu unterscheiden.
Na, so sind wir völlig verhext. Also erst mal auf den Weg! O, man
sieht besser bei diesem Raketengeschieße. Hier zwei Schritte zur
Linken, das ist der Weg, ganz ohne Frage.
Aber nach links oder rechts? Es scheint doch, dass es nach rechts ansteigt.
Also gehen wir die paar Schritte nach links, um die Straße festzustellen......richtig,
es ist alles im Lot und wir können den nun gut sichtbaren Trampelweg
ruhig fürbaß ziehen.
Rechts krepieren im Moment Granaten beim Seestern, dem Gefechtsstand
des rechten Bataillons. Vorne auf der ersten Linie liegt gar kein Feuer.
Aber im Hintergelände tobt es überall. Ein Hund streift durch
das Feld, ohne sich um uns zu kümmern.
Plötzlich knallt es hinter uns. Ach so, das sind die Minenwerfer,
die anfangen zu husten. Sie stehen dort an der Straße, soviel man
weiß. Ihre Geschosse ziehend zischend eine feurige Kurve in den Nachthimmel.
Drüben fallen sie hin, viermal sieht man es rot aufblitzen und ein
wildes Getöse rüttelt in den Bergen. Es gibt also auch drüben
Saures.
Wir steigen weiter bergan und kommen an den völlig kahlen Baumstümpfen
vorbei, die die Karte als kleines Wäldchen verzeichnet. plötzlich
stehen wir vor der Mündung eines kleinen Grabens, der sich nach einigen
Schritten bereits vertieft. Er scheint nicht schön zu sein. Verbogenes
und halb verschüttetes Wellblech steckt irgendwo im Rand. Die Wände
sind stellenweise durch Granateinschläge überhaupt völlig
verschwunden. Gleich rechts sind wir bei dem Kompanieführerstollen.
Wir schwitzen fürchterlich und befreien uns deshalb von dem Stahlhelm.
Dann klettern wir in die muffige Luft des Stollens hinunter. Verdammt!
Da knallt man wieder mit dem Schädel gegen einen Balken oder was es
sonst ist. Und der Halt, den man rechts an etwas Metallenem zu gewinnen
hofft, ist auch nur trügerisch. Das Ding wackelt und von unten schreit
jemand: „Wer reißt uns denn da wieder das Ofenrohr ab?“ Man tritt
auf einen Stahlhelm, stößt gegen ein eigenartiges Gebilde und
landet schließlich in völliger Finsternis auf einem Treppenabsatz.
„Sind wir schon unten?“ – „Ja, man immer geradeaus!“ sagt jemand. Eine
verfluchte Geschichte, im Dunkeln immer geradeaus zu laufen. Nicht mal
den Sprecher sieht man. Aha, da greift man gegen einen Vorhang oder vielmehr
einen Sack. Und man sieht auch schon eine Kerzenflamme hindurch schimmern.
Man schlägt den Sack zurück und steht im „Salon“. Der Kompanieführer
sitzt in aller erdenklichen Gemütlichkeit auf einem kleinen Bock,
einem Haufen von Karten, Befehlen und Meldungen vor sich auf dem Tisch,
der aus einem an die Stollenwand genageltem Brett besteht, welches kaum
eine Unterarmlänge breit ist. Dazu brennt und stinkt eine zischende
Karbidlampe, deren ungeschützte Flamme die Augen blendet. Auf dem
„Tisch“ steht überdies eine Flasche Selters und ein halb gefülltes
Glas. An der Wand hängen zwei Leuchtpistolen, eine Stellungskarte,
eine Gasmaske, zwei „Jugend“drucke und eine schmutzige Postkarte, auf der
man zu seinem Erstaunen ließt „Prosit Neujahr!“ (Bei der Hitze!)
Auf einem Bretterbord liegen viele Kästchen verschiedener Leuchtpatronen,
die insofern ein neckisches Zeitvertreib sind, als man täglich ihren
„Bestand“ melden muß. Außerdem sieht man dort zwei Kochgeschirre,
einen Trinkbecher, einen Stahlhelm, zwei Zigarrenkisten und ein halbes
Brot. Hinter dem Rücken des Kompanieführers kommen sofort die
beiden Etagenbetten. Viel Platz ist also nicht. Für die Füße
leider auch nicht. Ein Eimer, eine große Bismarckheringsdose als
Waschgefäß, etliche Sandsäcke mit unerkennbaren Inhalten,
mehrere Stahlhelme, eine Patronenkiste, zwei Korbflaschen und noch verschiedener
Trödel beengen die Bewegungsfreiheit der Füße überall.
Bei dem Kompanieführer stehen trotz des geringen Platzes drei
Mann, die offenbar für einen Patrouillengang auf der Karte orientiert
werden. Am Eingang, gleich hinter dem Sack, sitzt auch noch jemand auf
dem Tornister. Voll ist die Bude. Übrigens poltert eben noch jemand
die Treppe herunter.
Der Leutnant raucht. Sein Bursche, der unten auf dem Bett sitzt, raucht
ebenfalls, so dass dem Karbid heftigste Konkurrenz bereitet wird. Der Leutnant
fragt uns, was wir wollen. Wir antworten. Er entläßt die drei
Mann. er liest den Befehl. Wir bitten um Trinken und bekommen einen Buddel
Selters, worüber wir sehr froh sind, und überdies eine Zigarette.
Es kommt jemand und meldet, das Essen sei da und geht wieder mit einem
Befehl für den Zugführer weg. Der Leutnant schreibt seine Meldung.
Es kommt ein Unteroffizier und fragt, ob der Posten am linken Flügel
heute wieder da stehen solle, wo er früher gestanden hat. Wir bekommen
unsere Meldung und steigen die Stufen hinauf. Oben vor dem Loch steht jemand
und ruft: „Bist Du das Meier?“ „Nein!“ „Hat Meier denn schon die Patronengurte
geholt?“ Das wissen wir nicht, also kommen die da oben uns entgegen.....
Endlich sind wir draußen. Sternenhimmel über uns, aber ohne
Mond. Einige Granaten fliegen nach rückwärts. Die Luft ist doch
frischer hier oben, obwohl es nach Pulverrauch riecht von den Leuchtraketen
her und nach vermoderndem Zeug und verfaulenden Konservenresten, auch nach
Chlorkalk und selbst ein wenig nach Latrine. Es ist zwar ein lauer, aber
übler Gestank, der über den Gräben ruht, aber um so bestimmter.
Wir gehen weiter, denn wir sollen zur Orientierung über „Seestern“
zurückkehren. Links hört der Graben auf, aber es wird dort gearbeitet.
Wir treffen Bekannte und klönen. Man ist ganz lustig, wenn man auch
flucht auf den Dreck hier vorne. Vor allen Dingen will man wissen, was
gibt es für neue „Parolen?“ Jeder sagt zwar, er glaube an kein Gerücht,
aber in Wahrheit klammert sich jeder an den Strohhalm der schwächsten
Ablösungshoffnung, denn „Ablösung“ heißt hier das Zauberwort,
das die ruhigsten Menschen in glückliche Erregung versetzt. Aber wir
wissen nichts. So ist denn freie Bahn, dass man uns einige Parolen aufhängt.
Damit ziehen wir also ab, an den stillen Posten vorüber, die in die
Nacht starren mit dem Stahlhelm auf dem Kopf, durch Arbeitsgruppen hindurch,
an Sappeneinrichtungen und Unterstandslöchern vorbei dem rechten Flügel
zu. Am rechten Flügel ist alles noch gedämpfter, vorsichtiger,
da man dort näher am Feinde liegt, der dann auch, als wir hindurchgehen,
mit einigen Gewehrgranaten, deren Splitter singend auseinander stieben,
seine rationierte Wut ausläßt.
Wir fragen uns nach dem berüchtigten Thomsenstollen durch und
haben damit die Gräben wieder verlassen. An der Läuferkette entlang,
die in einem ehemaligen Wäldchen bis zum Seestern liegt, nehmen wir
unseren Weg, der stellenweise durch Baumstubben und Gerümpel ziemlich
behindert ist. Am Cariusstollen knallt es wieder. Aber auch gerade vor
uns an der Mündung des Grabenstückes, das, wie ein mit uns wandernder
Läufer sagt, vom Seestern nach der Läuferkette zugeht, liegt
Schrapnellbeschuß.
Die Läufer wohnen vielfach mit Maschinengewehrnestern zusammen.
Oft haben sie lange nichts zu tun. Aber wenn irgend etwas im Gange ist,
dann ist ihr Dienst nicht angenehm. Wenn sie tags hier laufen müssen,
schießt ein französisches Maschinengewehr auf sie, aber es immer
etwas zu spät. Zuerst kommen einzelne Schüsse, die langsam immer
schneller auf einander folgen und dann plötzlich „rrrt“ abschnurren.
Bis dahin muß man in Deckung liegen.
Über uns singen vier Granaten, deren Abschuß wir gehört
haben. Sie fallen zwischen Seestern und uns und krepieren nicht. Oder sie
blasen aus. Es ist ein merkwürdiges Geräusch. Sollte es Gas sein?
Da kommen schon wieder welche. Genau dasselbe. Natürlich ist das Gas.
Man sieht jetzt etwas besser und erkennt milchige Schwaden am Erdboden.
Es kommen schon wieder vier, etwas kürzer. Und noch vier. Es ist fast
windstill. Aber es riecht schon etwas süß. Sie kommen wieder
kürzer. Wir müssen — weiß der Teufel — die Gasmasken aufsetzen.
So sitzen wir im Gelände und hören uns den Schwindel an. Das
Geschieße geht unentwegt und sehr flott weiter. Je vier Schuß
kommen in kurzen Abständen mit einem auffälligen leisen Pfeifen
und, wie es scheint, nicht sehr schnell angereist, packen sich hin und
knallen ein wenig. Sehen können wir so gut wie nichts in den Masken,
weshalb wir auch sitzen bleiben. 20 bis 30 Minuten dauert das Schießen.
Ich denke an unsere ersten Autobrillen und Nasenklammern, die uns seinerzeit
in den Vogesen mitsamt einer kleinen Flasche geliefert wurden, welche meistens
zerbrach. Das war unser „Gasschutz“. Ich denke auch daran, wie der Franzmann
uns zum ersten Male mit Tränenbomben beschoß. Es waren kleine
Messinghüllen von der Länge einer doppelten Leuchtpatrone, die
auch von den Leuchtgewehren abgefeuert wurden und ganz flach wie eine Rakete
angezischt kamen. Sie fuhren zwischen die zerschossenen Kiefernstämme
und platzen mit einem Knall, als wenn man Weinflaschen aufzieht. Dann verbreitete
sich ein Duft wie nach Fruchtbonbons und bald tränten die Augen. Wir
schützen uns durch unsere Autobrillen und waren also nicht sehr behindert,
so dass wir die Geschichte für ziemlich lustig hielten. Später
eroberten wir einige Säcke voll dieser Tränenbomben, die wir
dem Franzosen aus seinen eigenen Leuchtgewehren prompt und reichlich hinüber
schickten, was ihn aber dermaßen erboste, dass er sich wie ein hysterische
Jungfer gebärdete und wie verrückt immer gegen unsere Schießscharte
knallte. Auch ja, es waren noch andere Zeiten damals in den schönen
Vogesen! Jetzt sitzt man hier in der Lausechampagne, möchte gern zu
Bett und kann nicht. Aber wenn man später mal wieder daran denkt,
kommt es einem gar nicht so schlimm vor, davon bin ich überzeugt.
Das Schießen hört auf und das Gas zieht langsam nach West
ab. Wir machen einen kleinen Bogen um die Mulde, um so zum Seestern zu
gelangen. Ich trete auf den Rand eines Trichters, der sofort nachgibt,
so dass ich mit der auffallend weichen Erde nach unten rutsche. Mein Kamerad
hat gleichfalls die Haltung verloren und rutscht mir auf die Hacken. Ich
knie unten zwischen Werkzeug und Bohlen, worauf denn auch gleich jemand
zu fluchen anfängt, wir sollten uns doch vorsehen, den ganzen Stolleneingang
wieder zuzuschütten und dazu die nötigen Schimpfworte. Es sind
nämlich zwei Mann damit beschäftigt, einen neuen Stollen anzufangen
für ein Maschinengewehr– oder Minenwerfernest. Wir beruhigen sie und
steuern auf den Seestern zu. Dieser Unterstand ist ein Stollen, der, zwischen
Kiefern gelegen, einen wenig freundlichen Eindruck macht, zumal da hier
ziemlich heftiges Störungsfeuer aller Art liegt.
Wir wenden uns nunmehr schleunigst unserer Behausung wieder zu, die
zwar den wenig verlockenden Namen „Hundehütte“ trägt, dafür
aber so sehr schlecht nicht gelegen ist — man kann sich tagsüber sonnen
— und überdies bei der täglichen Arbeit an dem Schleppschachte
unter Mitwirkung der Offiziere des Bataillonsstabes zu einem ganz annehmbaren
Aufenthalt werden kann.....wenn nur der verdammte Krieg nicht wäre!
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Friedhof in la Neuville
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Deutscher Soldatenfriedhof in
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la Neuville am 29. September 2003 |
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Am ..... wurde ich zu den Minenwerfern geschickt. Vier Werfer sollen links
vom Cariusstollen jenseits der Straße eingebaut sein. Ich war den
Weg in die Stellung am Cariusstollen vorbei schon oft gegangen, hatte aber
niemals dort unsere Minenwerfer gesehen und dabei sollten sie ganz nahe
liegen. Die ersten Trägertrupps für die Kampfstellung bereiteten
ihre Sachen vor, als ich allein einstweilen voran ging. Es war vollkommen
ruhig, als ich mich auf den Weg machte. Aber kurz vor dem Cariusstollen
war ich plötzlich mitten in einer Granatensalve und lag auch schon
platt wie eine Scholle in einer kümmerlichen Mulde. Das kam so plötzlich,
dass ich mir kaum noch vorstellen kann, wie ich, der ich eben noch ganz
friedlich aufrecht ging, ein kurzes Zischen, die erste Granate krepieren
hörte und mit den anderen drei Schüssen auch schon gleichzeitig
auf der Nase lag. Man ging wohl in ständiger „Alarmbereitschaft“.
Es war übrigens gut, dass ich lag, denn die Splitter pfiffen über
mich hin. Man schoß hier offenbar mit empfindlichen Zündern,
weshalb auch nur so wenige Granattrichter zu sehen waren. Die zweite Lage
wartete ich nicht ab, sondern sprang sofort auf den Graben des Cariusstollen
zu, den ich kaum erreicht hatte, als die nächste Sendung bereits mit
Dreck und Pulverrauch die Luft erfüllte. Es folgte noch eine dritte
Lage, dann kletterte ich heraus und lief die Straße Maronvillers
– Nauroy nach links. Zunächst bemerkte ich nichts, was einem Unterstand
ähnlich gesehen hätte und den ich bei dieser Schießerei
heftig herbei sehnte. Aber dann entdeckte ich, als ich an einer kleinen
Böschung weiterging, ein viereckiges Loch, das mit einem Geflecht
von hellen Stoffstreifen zugedeckt war.
„Hallo!“ rief ich, „sind hier die Minenwerfer?“
„Jawoll!“ antwortete man mir mit unterirdischer Stimme, öffnete
das Geflecht und ließ mich nach unten klettern. Der Graben war bereits
angefüllt mit Leuten, die irgend etwas arbeiteten und die Kochgeschirre
fertig machten. Ein Gang verband die verschiedenen Werferstände und
die beiden Stolleneingänge. Aber alles war mit Wellblech oder Brettern
vollkommen zugedeckt. Außen war weiße Kreide darauf geschüttet,
so dass die Anlage in der Tat selbst aus nächster Nähe nur dann
zu finden war, wenn man genau unterrichtet war. Stellenweise war zu Beleuchtungs–
und Lüftungszwecken die Decke unterbrochen durch Auslassen zweier
Wellblechtafeln und diese Lücken waren mit dem erwähnten Stoffe
und mit gestrichenem und bestreuten Reisiggeflecht gegen Sicht abgedeckt
und zwar so vorzüglich, das selbst unsere Fliegerphotographien niemals
die Stellung zeichneten.
Ich entledigte mich meines Auftrages und besuchte dann einen Freund,
der mich zunächst in den Stollen hinunter führte. Er war noch
nicht sehr tief und räumlich außerordentlich beschränkt.
Aber man begann bereits wieder daran zu arbeiten. Als wir wieder nach oben
kamen, empfahl man mir, noch einen Augenblick dort zu bleiben, da gerade
geschossen werden sollte.
Die Bedienungsmannschaften machten sich an den Werfern zu schaffen,
die etwas vorgebaut waren und deren obere Sichtdecke nunmehr entfernt war.
Es waren nur leichte Minenwerfer, aber sie sahen wunderschön aus.
Die Unteroffiziere liefen mit Karten und Tabellen, gaben mit beneidenswerter
Selbständigkeit Befehle und Zahlen und prüften und betasteten
jeder seinen Werfer. In kleinen, kurzen Stollen saßen andere Leute
und entnahmen aus Kisten einige Minen, an denen sie mit verschiedenen Schlüsseln
herumschraubten. Bald hieß es überall: fertig! Die Zugführer
gaben einige Anweisungen und ich mußte in einen Stollengang treten.
Darauf wurde geladen, abrücken befohlen und abgeschossen. Es waren
vier Schuß, die lossausten, der Knall war nicht sehr laut. Das Manöver
wiederholte sich mehrere Male, so dass jeder Werfer sechs Schuß gelöst
hatte. Dann wurden die Werfer wieder schnell gesäubert und zugedeckt.
Es hieß, nun gäbe es bald Antwort von drüben. Übrigens
habe die Infanterie es gewünscht, dass man einige Racheminen hinüberschicke,
auf ein Ziel, das am Tage beobachtet und auf das die Werfer eingeschossen
worden waren. Wir zogen uns, indem wir uns unterhielten, in den Stollen
zurück. Plötzlich begann eine heftige Ballerei. Der Franzmann
schickte Schlag auf Schlag immer vier Schuß auf einmal zischend an
uns vorbei, soviel wir hörten. Der ganze Kram explodierte unter furchtbaren
Getöse irgendwo anders. Alles drängte sofort wieder hinaus und
beobachtete durch die Grabentücher. Ich sah im Abschnitt des linken
Nachbarregiment etwas rückwärts an einer kleinen Anhöhe
das Aufblitzen der französischen Granaten. Man erkannte sogar in der
ziemlich hellen Nacht den aufgewirbelten Kalkstaub, der sich langsam dahinzog.
„Donnerwetter“, sagt man, „der Franzose ist aber wieder böse auf
uns! Das ist nämlich die Antwort auf unsere Schießerei.“ „Auf
unsere Schießerei?“ fragte ich ganz dumm. „Jawohl, auf unsere Schießen!
Der Franzose hat uns nämlich noch immer nicht erkannt, obwohl wir
bereits am Tage geschossen haben. Jedes Mal, wenn wir ihn belästigt
haben, tobt er dort drüben seine Wut aus. Da stehen nämlich die
Minenwerfer des Nachbarregiments. Die werden uns allerdings nicht sehr
grün sein, weil sie immer für unsere Streiche büßen
müssen. Übrigens wollen sie dort wegziehen, wie ich gehört
habe...“ Obwohl wir an die anderen Minenwerfer dachten, mußten wir
doch lachen über den eifrigen Franzmann.
Unter diesen Umständen führten die Minenwerfer freilich ein
ganz nettes Leben. Sie bekamen aber trotzdem hin und wieder ihre Ladung
ab von dem, was dem Cariusstollen zugedacht war. Sie blieben indessen vorsichtig
und ließen sich am Tage möglichst gar nicht sehen; selbst der
Zugangsweg zu ihrer Stellung wurde nachts wieder ausgelöscht, damit
nichts sie verraten konnte. Die Unannehmlichkeit und was sonst mit diesen
Maßregeln verbunden war, machte sich aber sehr wohl belohnt.
Schließlich beruhigte sich der Franzose und ich machte mich gerade
ans Abschied nehmen, als wir den Trägertrupp kommen sahen. Es entstand
ein sehr geschäftiges Hin und Her: Munition und Kisten wurden in Empfang
genommen und verstaut. Mit viel größerem Interesse stürzte
man sich auf die Speiseträger, Feldflaschen, Brote, Fettportionen
und Postsäckchen, was alles bereits gruppenweise eingeteilt war in
Sandsäcken usw. Für jeden, der etwas bestellt hatte aus der Kantine,
fand sich noch eine Extragabe an Zigarren oder dergleichen. Und während
pustend alles im Essen umher stocherte — es gab übrigens ein „Mittag“,
das zumindest ausgezeichnet nach Speck duftete — machten einige sich bereits
darüber her, die Post zu verteilen. Dann kamen wieder welche mit Brot,
Käse und – man glaubt es kaum – gekochten Schinken angetragen....
Das ist die schönste Stunde im Stellungsleben: wenn bei eingestellter
Kriegstätigkeit ein gutes und reichliches Essen mit Hilfe einer Zigarre
oder Pfeife verdaut wird und wenn man dazu seine Post durchliest.....Dann
ist wirklich Friede.....
Ich machte mich nun endgültig auf die Socken und fand es nach
diesem „Familienbilde“ wieder besonders schmerzlich, dass ich vorübergehend
von meiner Kompanie abkommandiert war. Im Schoße der eigenen Kompanie,
die für einen sorgt, fühlt man sich erst richtig geborgen bei
den alten Kameraden. In der Kompanie ist es doch am besten!
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Ein Offizier, in dessen Händen der Gasschutz lag, der G. O., saß
in einer etwas versenkten Bretterbude und rauchte eine seiner schweren
Bremer Brasil–Zigarren (Friedenspreis 30 Pfennig im Einkauf, sagte er wenigstens).
Da diese Begebenheit wahr ist, wollen wir keinen Namen angeben und den
G. O. einfach und unverfänglich Meyer nennen. Er rauchte seine Zigarre
mit größtem Mißbehagen, was nicht an der Güte seiner
Zigarre lag, sondern daran, dass der Franzose seit etwa 5 Minuten Gas ins
Hintergelände verschoß. Denn dabei mußte der G. O. zugegen
sein. Er mußte die Granaten zählen. Leider hatte er sich bereits,
wie er glaubte, um acht versehen. Die Hauptsache aber war, dass er einfach
da war, damit alles in Ordnung abging. Er konnte zwar die Geschosse nicht
auffangen und er konnte auch nicht umhersausen und aufpassen, dass jeder
Mann seine Gasmaske richtig aufsetzte oder sie zumindest bereit hatte —
aber immerhin, wozu war er G. O.?
Für Ihn selbst war keine Gefahr. Der Wind trieb das Gas von ihm
fort. Aber er wünschte dringend, dass die irrsinnige Knallerei ein
Ende nähme..... Und richtig, da war es schon vorbei.
Wenn sich das Gas erst verzogen hätte, wollte er sich genau unterrichten,
wohin die Schüsse gegangen waren. Insgeheim hatte er die stille Hoffnung,
sie möchten im Nachbarabschnitt liegen. Dann wäre es doch nicht
so dringlich gewesen, obwohl eine gute Meldung auch in diesem Falle ihre
Wirkung auf die vorgesetzte Stelle niemals verfehlte. Hart an der Grenze
mußten sie übrigens niedergefallen sein.
Vorläufig zückte er den obligaten Tintenstift und schrieb
auf den Meldeblock, was er bisher wußte. Wenn nämlich zwei Meldungen
hintereinander kamen, die eine als Ergänzung der anderen, so sah das
sehr rührig aus.
Wenn er nur feststellen könnte, dachte er, was für Gas es
eigentlich gewesen sei.....
Er saß noch und schrieb, als sein Gasschutzunteroffizier kam
und ihm meldete, dreihundert Meter von hier läge in den Tannen ein
Gasblindgänger.
„Auch das noch!“ schrie der G.O., „aber das ist doch unmöglich!
Es ist sicherlich eine Sprenggranate!“
„Nein, Herr Leutnant, es ist Gasmunition. Wir liegen dort in der Nähe
und sie ist mit einer ganzen Lage dorthin geflogen.“
„Na gut, dann müssen wir hin..... Liegt sie nicht im Nachbarabschnitt?“
„Es ist möglich, aber ich weiß es nicht.“
Der G. O. machte sich fertig und folgte seinem Unteroffizier. Es waren
in der letzten Zeit erst wieder Verfügungen über die Behandlung
feindlicher Gasblindgänger ergangen. Das ging dem G. O. durch den
Kopf....
Sie sind zur Stelle. „Da liegt das Biest,“ sagte der G. O. Hier lief
die Regiments– und Divisionsgrenze. „Donnerwetter, beinahe hätte
sie dem Nachbarn gehört! Was für ein Pech! Die Schreiberei, die
man jetzt davon hat!“
„Es handelt sich höchsten um 2 Meter,“ sagt der Unteroffizier,
„wir können sie ja hinüber legen.“
Aber das ging dann doch über das Gewissen eines eifrigen G.O.!
(Wenigsten nach einigen Überlegungen.)
Dann untersuchte er das Ding. Er hatte ein Tabelle der bisher bekannten
feindlichen Gasmunition mit lehrreichen Abbildungen gleich mitgebracht,
um das Geschoß rubrizieren zu können. Leider fand er dieses
Muster noch nicht vor. Dieses „E“ war auf keiner der bekannten Gasgranaten
verzeichnet. Farbe und Buchstabenzeichen wurden also notiert. „Gasblindgänger
sind sofort zu vergraben“ rezitierte der G.O. aus seiner Vorschrift. Also
nahm man den Spaten und buddelten das Ding ein. Als Grabmal ein Schild,
auf das er mühsam mit Tintenstift malte: Vorsicht! Gasblindgänger!
Dann ging er wieder zu seinem Unterstand und schickte die zweite Meldung
ab, die die allgemeine Lage der Schüsse enthielt und zugleich von
dem Vorhandensein eines Blindgängers berichtete.
Eine halbe Stunde später tutete das Telefon beim G. O. Es meldete
sich der G. O. einer vorgesetzten Dienststelle.
„Guten Tag, Herr Meyer, ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass in Ihrem
Abschnitt heute Nachmittag Gasbeschuß gelegen hat, vor einer Stunde
etwa. Wir haben es von hier hinten aus beobachtet. Sagen Sie mal, haben
Sie das gar nicht bemerkt?“
„Jawohl, ich war selber ganz in der Nähe.“
„Ja und warum bekommen wir dann keine Meldung? Sie wissen doch, dass
jeder Gasbeschuß, auch der geringste, sofort hierher gemeldet werden
muß....“
„Meine Meldung ist sofort nach Beendigung des Schießens abgegangen
und muß in 10 Minuten bei Ihnen sein.“
„Ja, das verstehe ich dann nicht! Bringen Sie doch mal Ihre Ordonnanzen
in Schwung...! Sonst geht’s gut, was? Passiert ist doch nichts?“
„Nein, alle in Ordnung.“
„Na, dann auf Wiedersehen. Also in Zukunft sofort melden, immer sofort.
Wiedersehen.“
„Wiedersehen.“
Eine viertel Stunde später tutet das Telefon abermals. Leutnant
Meyer für Herrn......!
„Sind Sie da Meyer! Also bester Meyer, Ihre Meldung habe ich ja nun,
aber das genügt doch nicht! Auf der letzten Besprechung habe ich doch
ausdrücklich darauf hingewiesen, was gemeldet werden muß. Sie
schreiben nur: Etwa soundsoviel Schuß von der und der Batterie und
dann die Lage ganz unbestimmt. Dass es in Ihrem Regimentsabschnitt war,
das wußten wir schon ohne Ihre Meldung. Ich bitte Sie dringend, mir
umgehend, aber wirklich umgehend, das Fehlende nachzuholen. Auch zu Punkt
4 und 5 des Meldeformulars....Was sagen Sie.... So, aha, na ja, dann ist
ja gut; so, die zweite Meldung ist lange unterwegs. Ja, ja, selbstverständlich
Meyer, das weiß ich ja, dass Sie das alles erst feststellen müssen....Dann
kommt hoffentlich das Fehlende....Lassen Sie es sich gut gehen! Wiedersehen!“
Leutnant Meyer sog noch immer an seiner Brasil.
Nach 20 Minuten hatte der G. O. mit seiner Brasil seinen Unterstand
verlassen, um etwas auf Nachbarschaft zu gehen. Er war vielleicht 300 Meter
gegangen, als jemand hinter ihm hergelaufen kam und keuchend rief: „Herr
Leutnant, das Telefon!“
„Wer ist denn nun wieder da?“
Natürlich, es war wieder die vorgesetzte Gasstelle. Also kehrte
Meyer im beschleunigten Tempo, das ihm sehr peinlich war, zurück und
meldete sich am Apparat. „Einen Augenblick, Herr.....wird gerufen,“ sagte
man ihm durch die Strippe. Nach einer Weile kam der Herr.
„Leutnant Meyer da?.... Es handelt sich also um eine bisher unbekannte
Gasmunitionsart nach Ihrer Meldung. Ich werde sofort zu Ihnen kommen, Sie
führen mich dann wohl zu der Granate. Wiedersehen....Was denn? Eingegraben
haben Sie das Geschoß? Ja, mein Gott, warum denn das! Ach so, ja
die Vorschrift lautet ja.... Wissen Sie, Meyer, da graben Sie es doch wieder
aus! Nicht wahr? Also ich komme im Laufe des Nachmittags, die Sache ist
dann doch zu wichtig.....Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen“ sagte Meyer, bewaffnete sich mit dem Spaten, suchte
die Stelle wieder auf, buddelte das Geschoß sehr vorsichtig aus und
brachte es infolgedessen auch sehr langsam ans Tageslicht, legte es auf
den glatten Erdboden und ging gemächlich nach Hause.
Mit dem Besuch des Nachbarunterstandes war es also für den heute
Nachmittag nichts. Dafür war eine neue Brasil fällig. Meyer hatte
offenbar Beziehungen zur Tabakbranche..
Meyer saß und wartete und rauchte immer stärker, je später
es wurde. Das war denn doch zu bunt! Wie lange lauerte er nun schon! Endlich
entschloß er sich, unter einem Vorwand anzufragen, ob sein „Chef“
überhaupt noch kommen wolle. er telefonierte also, er habe noch einen
Maskenappell abzuhalten bei einem rückwärts gelegenen Unterstabe,
ob er den absagen solle.... Man antwortete ihm, er solle ihn ruhig abhalten,
Herr Soundso könne leider wegen dringender anderer Obliegenheiten
nicht mehr kommen heute Abend. Das Geschoß flöge ja auch nicht
weg.
Gut, Meyer füllte sich seine Taschen mit Zigarren, ging unter
Hinterlassung seiner „Adresse“ zu zwei Freunden auf Besuch und scheuerte
bald vergnüglich die Skatkarten bei einer beruhigenden Brasil.....
Zum Glück war in diesem Unterstand kein Telefon vorhanden, so
dass persönliche Anzapfungen nicht zu befürchten waren. Aber
was sein soll, das geschieht doch. Meyer hatte eben einen Grand ohne vier
gewonnen und war mithin in rosiger Laune, als seine Ordonnanz hereinkam
und meldete, es sei von der vorgesetzten Dienststelle angerufen worden
wegen des Gasblindgängers.
„So,“ sagt Meyer, „Wegen des Gasblindgängers. Und was weiter?“
„Ja und Herr Leutnant möchten sofort anrufen.“
„Und Sie haben gesagt, Sie wollten mich sofort aufsuchen, nicht wahr?“
„Jawohl Herr Leutnant.“
„So war es richtig..... Also bitte die Herren, mich einen Augenblick
zu entschuldigen, es ist nur wegen des Gasblindgängers.....“
Meyer ging sehr gemütlich zu seinem Unterstand, obwohl er gerne
bald wieder zurückgekehrt wäre zu seinen Kumpanen. Dann ließ
er sich mit der fraglichen Stelle verbinden.
„Ach so, Meyer, Sie sind es. Es ist nur eine Kleinigkeit: Sie haben
doch den Blindgänger wieder eingegraben?“
„Jawohl, sofort!“
„So, dann ist ja alles in Ordnung; weiter wollte ich nicht. Wiedersehen!“
Meyer nahm seinen Spaten und ging wieder zu dem Blindgänger, um
das zu tun, was er eben zur Vermeidung weiterer Umstände als bereits
ausgeführt gemeldet hatte. Mit der erforderlichen Vorsicht und der
daraus resultierenden Langsamkeit wurde der Blindgänger wiederum in
die kühle Erde gebettet. Hoffentlich findet seine Seele nun die Ruhe,
dachte Meyer, denn dann habe ich meine Ruhe.
Die Ruhe hat Meyer in der Tat längst, was man dem niederschlagenden
Einfluß einer guten Brasilzigarre zuschreiben kann.
Zum Skatspielen war es zu spät, da bald der Nachtdienst seinen
Anfang nahm. Meyer setzte sich also hin und studierte vorläufig die
einschlägige Literatur über feindliche Gasmunition, damit er
morgen hinreichend unterrichtet sei.
Morgens erhob Meyer sich aus der Holzwolle mit dem Gedanken, dass nun
der vorgesetzte G. O. bald kommen könne. Also ging er wieder durch
die Kiefern hindurch und grub vorsichtig und bedächtig den Blindgänger
aus. Er hatte schon Übung. Übrigens stellte er fest, dass des
„E“, das er gestern noch gesehen hatte, verschwunden war. Vielleicht unter
der Einwirkung der Erde. Möglich auch, dass es gar nicht vorhanden
war, dass es nur eine zufällig beim Auffallen entstandene Zeichnung
war?
Es war ein herrlicher Sommermorgen, der ihm aber wieder durch Gasmeldungen
und Selbstretterangelegenheiten usw. verdorben wurde. Weggehen durfte er
überdies nicht, da er jeden Augenblick bereit sein mußte, den
Herrn zu dem Blindgänger zu führen.
Es kam aber niemand. Schließlich fragte Meyer ganz einfach telefonisch
an. Er habe den Blindgänger schon wieder ausgegraben, sagte er.„Aber
wie können Sie so etwas machen, Meyer. Er muß sofort wieder
eingegraben werden. Was meinen Sie, wenn da irgend etwas passiert! Ich
kann vorläufig nicht zu Ihnen kommen. Also lassen Sie ihn solange
liegen.“
Es vergingen drei Tage und Meyer gab sich der unvernünftigen Hoffnung
hin, man möge das Geschoß vergessen haben. Aber Kuchen! Da hatte
er sich geirrt!
Am vierten Tage kam der immer sehnlichst erwartete Ablösungsbefehl.
Alles war in eiliger und froher Tätigkeit begriffen, abgesehen von
denen, die sich noch mit der Kontrolle des zu übergebenden Material
zu befassen hatten. zu diesen gehörte auch Meyer wegen der Gasschutzmittel,
die in Stellungen blieben, einzeln oder in Depots.
Ach, und in letzter Stunde bekam er noch den Befehl von der vorgesetzten
Dienststelle, den Blindgänger mit zu übergeben und zwar persönlich
an den G. O. des nachfolgenden Regiments. Er führte also den neuen
Herrn an die Stelle, wo seine Tafel „Vorsicht! Blindgänger!“ gestanden
hatte. Mittlerweile war sie durch Beschuß oder sonst was herausgerissen
und offenbar einige Meter weiter getragen worden... es kostete einige Mühe,
bis der Platz doch richtig festgestellt war, worauf abermals mit Ruhe und
Vorsicht der Blindgänger ausgegraben und dem ablösenden Herrn
vorgestellt wurde. nun konnte man in die zu unterschreibende Übernahmeliste
auch aufnehmen: „Ein Blindgänger.“
Das Geschoß wurde übrigens zur Vorsicht nochmals eingegraben
von Korl Meyer, der nun sagte: „So, du Aas! Da bleib meinetwegen liegen,
bis du verfaulst!“
Später, also er den Ablösenden verließ, wünschte
er ihm viel Glück mit seinen Karten und Meldungen über den Blindgänger.
Und als er sich mit seiner Brasil leicht und kreuzfidel ins Schwerinlager
begab, warf er noch einen etwas scheuen Blick durch die Kiefernstangen
in der Richtung des Gasblindgängers und freute sich, dass er für
seine Person ihn los war.
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Es war durchaus keine rosigen Tage am Hochberg, wenn einem auch manches
komisch vorkommt und man trotz allem doch auch gelacht hat. Jedenfalls
freuen wir uns alle, als endlich die langersehnte Ablösung durch das
R. I. R. 72 kommt. Sie beginnt in der Nacht vom 26. auf den 27. August
und ist am 29. um 8 Uhr morgens beendet, so dass sich nur noch die üblichen
Nachkommandos in der alten Stellung befinden, um auf eventuelle Fragen
noch Antworten geben zu können.
Wir werden im Schwerinlager untergebracht, das an der Straße
la Neuville – Cauroy (D 315, links neben der Höhe 156) liegt zwischen
Kiefern und Birken, die auf dem trockenen, mit dürftigen Gräsern
bewachsenen Sandboden stehen. Es regnet. Deswegen überrascht es uns
nicht, dass wir die Unterkunft ganz unzureichend vorfinden. Bei uns regnet
es überall durch die dünnen Laubhütten, die stellenweise
mit zerrissener Dachpappe gedeckt sind. Es ist sehr ungemütlich. Baumaterial
ist fast gar nicht zu haben.
Das Wetter wird wieder besser und wir bekommen nun auch allmählich
bessere Unterstände. Das Leben wird ganz lustig. Es wird zwar exerziert
und besichtigt, aber dafür haben wir abends schöne Ruhe. Wir
gestalten mit Hilfe etlichen Bieres Kompaniefeste, die von der geteilten
Regimentskapelle bis in die späte Nacht mit der wünschenswerten
Musik versorgt werden. Man singt, man schenkt ein, die Musik spielt, man
macht einen Umzug im Lichte der flackernden Kerzen, man hält Reden,
läßt jemanden unter gewaltigem Lärm hochleben — kurzum,
man ist wieder im Zug! Entweder finden die Feste unter freiem Himmel auf
einem abgesteckten Bezirk statt oder, wenn das Wetter droht, unter Riesenzelten,
die aus den Zeltbahnen der gesamten Kompanie zusammengestellt sind. In
la Neuville wird sogar ein Konzert veranstaltet, das wir uns in dieser
Wildnis wie eine Offenbarung anhören. Ferner gibt es ein Kabarett
und ein Kino. Herz, was willst Du noch mehr?!
Die üblichen Einweisungen in die Abschnitte vor uns finden statt.
Am 8. 9. trifft abends der Befehl ein, wir sollten vom 11./12. 9. ab das
Regiment 101 der sächsischen Infanterie–Division ablösen. Wir
treffen die Vorbereitungen, aber am 9. 9. wird der Befehl widerrufen, so
dass der Kelch noch einmal an uns vorüber geht.
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Besichtigung des Regiments im Schwerinlager
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Wir bleiben noch. Wir bekommen Ersatz und exerzieren fleißig weiter.
Den Ersatzleuten werden von den erfahrenen Frontkämpfern die Kampfesweisen
und das Verhalten bei Artilleriebeschuß, insbesondere bei Gasbeschuß
erklärt und beigebracht. So verging die Zeit bis Ende des Monats bis
der Abmarschbefehl nach Flandern kam.
Wie verlustreich die Kämpfe waren, kann man auch daraus ersehen,
dass neben den bereits während des Krieges angelegten Friedhöfen
auf dem von den französischen Militärbehörden nach dem Kriege
an der D 31 südöstlich vom Hochberg angelegte Gemeinschaftsfriedhof
Aubérive außer den 385 Polen auf dem französischen Teil
3516 in Einzelgräbern und 2906 im Kameradengrab auf dem deutschen
Teil 2237 in Einzelgräbern und 3124, davon 2931 Unbekannte im Kameradengrab
bestattet wurden.