Bereits am 10. Mai waren einige vierte Züge, die auf Grund der vorjährigen Erfahrungen an der Somme gebildet waren, nach Brienne zurückgenommen. Die vierten Züge hatten den Zweck, die Kompanien gegebenenfalls vor gänzlicher Aufreibung zu bewahren, andererseits ihnen die Möglichkeit einer gewissen Ablösung in sich zu geben. Dadurch wurde auch ein zu häufiger Wechsel größerer Formationen mit dem schwerfälligen Apparat des Quartierwechsels und An– und Abtransportes etwas vermieden. Während der ganzen Zeit des Einsatzes hatten die Kompanien einen Zug bei der Bagage, dessen Ausbildung gefördert wurde, der aber auch durch Essen– und Munitionstransporte den Kompanien unschätzbare Dienste leistete.
Am 15. Mai eroberte das linke Nachbarregiment 189 das schon früher
erwähnte Franzosennest nach sorgfältiger Vorbereitung zurück
und hielt es auch gegen alle Angriffsversuche des Gegners.
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Fuchslöcher hinter der Höhe
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100 in der R 1 Stellung (Mai 1917) |
Bis zu den ersten Tagen im Juni lag das Regiment in der Stellung. Die Kampfkompanien wurden mehrfach von den Bereitschafts- und Reservekompanien abgelöst. Angriffe des Gegners erfolgten nicht mehr. Trotzdem war der Aufenthalt in der Stellung verlustreich und für jeden einzelnen aufreibend.
Zum ersten Mal erlebte das Regiment hier den Masseneinsatz von Fliegern
und lernten dabei die einzelnen Typen zu unterscheiden. Gar bald erkannte
jeder den Infanterieflieger weithin an seinen langen schwarz–weiß–roten
Wimpeln. Mit schier unglaublicher Frechheit strichen sie in ganz geringer
Höhe über unsere und die feindlichen Gräben, unbekümmert
um das rasende feindliche Maschinengewehrfeuer, um die vordere Linie genau
festzustellen. Interessiert hat wohl jeder den häufigen Kämpfen
der Jagdstaffeln zugesehen, erfreut, wenn die Deutschen einen Erfolg für
sich buchen konnten. Viele habe hier zum ersten Male einen Fesselballon
von einem Flieger angegriffen und zur Strecke gebracht gesehen. Man lernte
aber auch das Unangenehme des feindlichen Ballons kennen, denn wer sich
in der Gegend zeigte, wo der Feind bisher nichts vermutete, der mußte
zu seinem Leidwesen bald feststellen, dass die Fesselballonbeobachter nur
allzusehr auf ihrem Posten waren und ihre Artillerie ständig auf dem
Laufenden hielten.
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Für den Abend des letzten Mai war beim linken Nachbar, dem I. R.
189, ein Patrouilleunternehmen festgesetzt. Unsere vordere Linie und auch
unsere rechte Nachbardivision hatten nicht rechtzeitig benachrichtigt werden
können. Als bei der Durchführung des Unternehmens der Gegner
auf breiter Front vor seine Gräben Sperrfeuer legte, war daher die
natürliche Folge eine Anforderung von Sperr– bzw. Vernichtungsfeuer
unsererseits. in diese allgemeine, an sich zwecklose Schießerei kamen
die Einweisungskommandos unserer Ablösung, das I. R. 477. Sie wurden
also gleich richtig eingeführt.
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In der Nacht zum 2. und zum 3. Juni wurden wir dann abgelöst. Morgens, als es schon hell war, marschierten wir nach hinten. Es ist ganz still, kein Schuß fällt und wie alle Tage wärmt die strahlende Sonne bereits am frühen Morgen. Wie man sich freut, wenn man seine Glieder wieder gebrauchen kann!
Diese entsetzliche Enge des Grabens, in dem man sich bei Tage kaum sehen lassen durfte! Man fühlt zwar auch dort die sommerliche Wärme, wenn man mit verklebten Augen in die Sonne blinzelt, aber man freute sich ihrer nicht. Erstens bekam man Durst, den man nur schwer mit Mineralwasser und sehr wenig Kaffee stillen konnte, der uns nachts gebracht wurde. Zweitens hockte man doch den ganzen Tag über in den Unterständen und hatte von dem ganzen Frühling nichts. Müde von der dumpfen Luft saß man in dem feuchten Stollen, der von ewiger Nacht angefüllt war und las oder schreib bei einer stinkenden Karbidlampe. Freilich, wenn man fröstelnd nach oben stieg und es war gerade ruhig und roch nicht nach Pulver und vermodernden Sachen, dann ahnte man in Staub und Kreide, dass drüben hinter dem Hügel wohl der Frühling gekommen sei. In der Stellung sah man nichts davon. Die trockene Erde, immer wieder aufgewühlt von den eigenen Spaten und den feindlichen Geschossen, brachte keinen Halm hervor.
Man wurde bequem, wenn man nichts zu tun hatte, lag man auf dem Rücken. Aber jetzt tragen wir unsere Tornister und können gehen, immer frei weg, ganz wie wir mögen – nur heraus aus dieser Enge. Wir empfinden es schon als eine Wohltat, so weit durch die Verbindungsgräben laufen zu dürfen, als eine förmliche Befreiung. Und dann über den Bahndamm, grünen Bäumen entgegen! Wir hatten es doch zuletzt vergessen, wie es aussieht, wenn der Frühling inzwischen gekommen ist. Unsere Augen hängen an dem jungen Laub der Pappeln und begreifen den Frühling wieder als neues Wunder. Auf langen Stegen überqueren wir den Suippesgrund, in dessen Sumpfland gleichfalls alles grünt. Die Lungen erwachen wie aus einem Schlaf. Ein wunderbar würziger Duft steigt aus Kraut und Gras. Die Sonne durchwärmt uns und wir fühlen, wie alles wieder lebendig wird in uns. Und am Kanal sehen wir wie in ein Paradies: im strahlenden Lichte liegt das saftige Grün von Baum und Strauch. Wir vergessen das Vergangene und denken nicht an morgen. Wir hören erfreut die Vögel zwitschern. Wir sind dem Frühling wiedergegeben – nein, viel einfacher und gewaltiger: der Tag, die Sonne hat uns wieder!
Lustig marschieren wir fürbaß am fruchtbaren Ufer des Kanals. An den steilen Hang zur Rechten sind Unterstände der Artilleristen angeklebt. In Hemdsärmeln tritt ein Mann mit ungekämmten Haar aus einer Tür, blinzelt verschlafen in die Sonne, nimmt sich ein Waschbecken, um sich für sein Tagewerk zu erfrischen. Für uns ist nach der erzwungenen Unsauberkeit in der vorderen Stellung diese Szene geradezu ein Bild idealer bürgerlicher Ruhe und Bequemlichkeit. Wir wissen, dass auch uns dieser Friede winkt.
So marschieren wir ins Biwak, Regimentsstab und I. Batl. nach Poilecourt,
II. und III. Batl. nach Houdilcourt. Aber nur zwei Tage haben die Bataillone
Ruhe in ihrem Biwaks, dann geht es weiter ins Kaiserlager.
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Kaiserlager:
Es war am 5. Juni 1917 und sengend heiß. Schon am Nachmittag mußten
wir an Ort und Stelle bereit stehen – also dicke Luft!
Wie anders ist es gekommen! Über fünf Wochen der schönsten
Lagerzeit wurde uns vergönnt. Was wir vorfanden war herzlich wenig.
Ein Streifen Niederwald wenige Kilometer nördlich der Suippes. Es
war ein Mischwald. Er hatte die zweckmäßige und militaristische
Eigenschaft, alle paar Schritt Plätze zum „Heraustreten“ frei zu lassen.
Es waren nur Kulissen. Aber diese Kulissen sahen ein militärisches
Spiel, militärisch im Ernst und Freude. Und die Freude überwog.
Bequeme Zelte mit Firststangen wurden gebaut, die Kantine richtete
sich häuslich ein, die Verpflegung war gut, die Ausrüstung wurde
erneuert und der es begann der Urlaub, jeweils 5 % der Einheiten. Damit
stieg auch die Stimmung.
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Diese Lebenslust, dieses „Genieße den Tag“ des Frontsoldaten in Ruhe kam über uns. Nach wenigen Stunden des Dienstes am frühen Morgen – im Erdwerk oder beim Schanzen, beim Schießen oder beim Übungswerfen scharfer Handgranaten – kam Spiel und Sport, Gesang und Umtrunk an die Reihe.
Es fehlte erst an Gerätschaften für die Spiele, aber dann kamen die Bälle aus Straßburg. Jetzt folgte Fußball und Schlagballspiel und Turniere zwischen den Kompanien und Bataillonen.
Und dann das Baden! Wie erfrischte das kalte Wasser der Suippes an den
heißen Sommertagen uns Leib und Seele. Wie tummelten sich unsere
Hamburger und Kieler Jungens in Baljen und Kisten, auf Spinne und Zeltfloß!
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Und dann die Abende! Frohe Feiern mit Umtrunk und Besuch oder stilles Besinnen im behaglichen Zelt. Oder Musikmeister Rotermund spielte mit seiner Regimentskapelle – wie manches Mal ist in jenen Wochen Promenadenkonzert für die „Garnison“ gewesen! Oder Heimatlieder werden sehnsüchtig gesungen.
Fliegeralarm!! Licht aus!! Auch der Kompanieführer, der beim Kerzenschein
im Zelt schreibt, – das Papiertrommelfeuer auf die Front wurde nachgerade
eine taktische Gefahr (Worte Ludendorffs) – wird vom Posten dringend ersucht,
noch verborgener zu leben. Aber alles ging gut. Nur in Aussonce werden
Menschen und Pferde getroffen, eine von Fliegern bis in den Ort verfolgte
Kolonne.
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Die Familie ließ ihn nach Patensen in die Lüneburger Heide umbetten. |
In üppiger Pracht sind Walderdbeeren herangereift, würzig und süß und gut davon zu essen. Kompaniebefehl: Morgen kein Schanzen, dafür Erdbeeren sammeln, jeder Mann ein Kochgeschirr voll! großer Erfolg, glänzende Marmelade, die die Feldküche kocht mit dem wohlweislich gesparten Zucker. Dr. Oetkers Erdbeermarmelade war auch in gepriesenen Friedenszeiten nicht halb so gut.
Und dann gerade bei der Erdbeermarmelade: Fertig machen! Einbruch der
Franzosen im Hexenkessel. Wir sollen uns im Luftschifferwald bereit stellen
zu dem Gegenunternehmen „Rache“. Also los. War doch rauh und lieblos! Und
unsere Bibliothek war auch noch nicht zu Ende gelesen.
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Fesselballone
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im Luftschifferwald |
Und wieder ging es gut. Nach zweitägiger Bereitschaft der willkommende Befehl: Die Kompanien rücken in ihre Ruheläger zurück. Also Kaiserlager von vorne! Und wieder im steten Wechsle der kurze Dienst, die lange Erholung. Die Kampfkraft gedieh dabei vortrefflich, ebenso die Moral der Truppe. Die obligatorischen Besichtigungen waren erfreulich, bei allen Bataillonen.
Nach dem Kaiserlager der mörderische Hochberg!
Wir hatten die Neige der köstlichen Ruhezeit gechlürft – jetzt
kam wieder der bittere Ernst. Das Regiment hat die Prüfung bestanden,
unter großen Verlusten. Die Erinnerung an all die Schrecknisse des
Juli und August verblaßt hinter den frohen Bildern, die der Name
Kaiserlager erweckt.
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