Die Beute des schneidigen Angriffs waren 2 schwere und ein leichtes M.G. Als Ersatz für die als Reserve jetzt ausgefallene 11. und 12. Kompanie wurde die 9. und 10. Komp. zu den Regimentern 27 und 90 vorgezogen. Das I. Bataillon blieb Divisionsreserve in der 2. Stellung, wurde jedoch noch am Abend freigegeben, da das I./188 an seine Stelle treten sollte und auch rechtzeitig eintraf. So löste infolgedessen im weiteren Verlauf der Ablösung des I. R. 84 in der Nacht zum 10. Mai unser I. Batl. die Bereitschaften hinter Höhe 100 und im sogenannten Frankewerk ab. Im Morgengrauen des 10. 5.  wurden die beim R.I.R. 90 befindliche 9. Komp. entlassen, weil hier kaum noch etwas zu befürchten war. Die Kompanie kehrte in die 2. Stellung zurück. In der Nacht zum 11. Mai wurden die 11. und 12. Kompanie aus der von ihnen wiedergenommenen vorderen Linie abgelöst und die 10. Komp. ebenfalls entlassen. Die 11. und 12. Komp. rückte ins Frankewerk, die 10. Komp. neben die 9. in die 2. Stellung. Darauf rückten die letzten noch in der Gegend befindlichen Teile des I.R. 84 ab. Die Ablösung war somit durchgeführt, das Regiment 187 übernahm den Befehl im bisherigen Abschnitt des I.R. 84.

Bereits am 10. Mai waren einige vierte Züge, die auf Grund der vorjährigen Erfahrungen an der Somme gebildet waren, nach Brienne zurückgenommen. Die vierten Züge hatten den Zweck, die Kompanien gegebenenfalls vor gänzlicher Aufreibung zu bewahren, andererseits ihnen die Möglichkeit einer gewissen Ablösung in sich zu geben. Dadurch wurde auch ein zu häufiger Wechsel größerer Formationen mit dem schwerfälligen Apparat des Quartierwechsels und An– und Abtransportes etwas vermieden. Während der ganzen Zeit des Einsatzes hatten die Kompanien einen Zug bei der Bagage, dessen Ausbildung gefördert wurde, der aber auch durch Essen– und Munitionstransporte den Kompanien unschätzbare Dienste leistete.

Am 15. Mai eroberte das linke Nachbarregiment 189 das schon früher erwähnte Franzosennest nach sorgfältiger Vorbereitung zurück und hielt es auch gegen alle Angriffsversuche des Gegners.
 

Fuchslöcher hinter der Höhe
100 in der R 1 Stellung (Mai 1917)

Bis zu den ersten Tagen im Juni lag das Regiment in der Stellung. Die Kampfkompanien wurden mehrfach von den Bereitschafts- und Reservekompanien abgelöst. Angriffe des Gegners erfolgten nicht mehr. Trotzdem war der Aufenthalt in der Stellung verlustreich und für jeden einzelnen aufreibend.

Zum ersten Mal erlebte das Regiment hier den Masseneinsatz von Fliegern und lernten dabei die einzelnen Typen zu unterscheiden. Gar bald erkannte jeder den Infanterieflieger weithin an seinen langen schwarz–weiß–roten Wimpeln. Mit schier unglaublicher Frechheit strichen sie in ganz geringer Höhe über unsere und die feindlichen Gräben, unbekümmert um das rasende feindliche Maschinengewehrfeuer, um die vordere Linie genau festzustellen. Interessiert hat wohl jeder den häufigen Kämpfen der Jagdstaffeln zugesehen, erfreut, wenn die Deutschen einen Erfolg für sich buchen konnten. Viele habe hier zum ersten Male einen Fesselballon von einem Flieger angegriffen und zur Strecke gebracht gesehen. Man lernte aber auch das Unangenehme des feindlichen Ballons kennen, denn wer sich in der Gegend zeigte, wo der Feind bisher nichts vermutete, der mußte zu seinem Leidwesen bald feststellen, dass die Fesselballonbeobachter nur allzusehr auf ihrem Posten waren und ihre Artillerie ständig auf dem Laufenden hielten.
 
Bahnlinie Reims – Laon beim Frankewerk, westlich Merlet, das zweite Gleis ist verschüttet.

Für den Abend des letzten Mai war beim linken Nachbar, dem I. R. 189, ein Patrouilleunternehmen festgesetzt. Unsere vordere Linie und auch unsere rechte Nachbardivision hatten nicht rechtzeitig benachrichtigt werden können. Als bei der Durchführung des Unternehmens der Gegner auf breiter Front vor seine Gräben Sperrfeuer legte, war daher die natürliche Folge eine Anforderung von Sperr– bzw. Vernichtungsfeuer unsererseits. in diese allgemeine, an sich zwecklose Schießerei kamen die Einweisungskommandos unserer Ablösung, das I. R. 477. Sie wurden also gleich richtig eingeführt.
 

Karte der Truppeneinheiten am 31. Mai 1917 bei Höhe 100 (Mont Spin)

In der Nacht zum 2. und zum 3. Juni wurden wir dann abgelöst. Morgens, als es schon hell war, marschierten wir nach hinten. Es ist ganz still, kein Schuß fällt und wie alle Tage wärmt die strahlende Sonne bereits am frühen Morgen. Wie man sich freut, wenn man seine Glieder wieder gebrauchen kann!

Diese entsetzliche Enge des Grabens, in dem man sich bei Tage kaum sehen lassen durfte! Man fühlt zwar auch dort die sommerliche Wärme, wenn man mit verklebten Augen in die Sonne blinzelt, aber man freute sich ihrer nicht. Erstens bekam man Durst, den man nur schwer mit Mineralwasser und sehr wenig Kaffee stillen konnte, der uns nachts gebracht wurde. Zweitens hockte man doch den ganzen Tag über in den Unterständen und hatte von dem ganzen Frühling nichts. Müde von der dumpfen Luft saß man in dem feuchten Stollen, der von ewiger Nacht angefüllt war und las oder schreib bei einer stinkenden Karbidlampe. Freilich, wenn man fröstelnd nach oben stieg und es war gerade ruhig und roch nicht nach Pulver und vermodernden Sachen, dann ahnte man in Staub und Kreide, dass drüben hinter dem Hügel wohl der Frühling gekommen sei. In der Stellung sah man nichts davon. Die trockene Erde, immer wieder aufgewühlt von den eigenen Spaten und den feindlichen Geschossen, brachte keinen Halm hervor.

Man wurde bequem, wenn man nichts zu tun hatte, lag man auf dem Rücken. Aber jetzt tragen wir unsere Tornister und können gehen, immer frei weg, ganz wie wir mögen – nur heraus aus dieser Enge. Wir empfinden es schon als eine Wohltat, so weit durch die Verbindungsgräben laufen zu dürfen, als eine förmliche Befreiung. Und dann über den Bahndamm, grünen Bäumen entgegen! Wir hatten es doch zuletzt vergessen, wie es aussieht, wenn der Frühling inzwischen gekommen ist. Unsere Augen hängen an dem jungen Laub der Pappeln und begreifen den Frühling wieder als neues Wunder. Auf langen Stegen überqueren wir den Suippesgrund, in dessen Sumpfland gleichfalls alles grünt. Die Lungen erwachen wie aus einem Schlaf. Ein wunderbar würziger Duft steigt aus Kraut und Gras. Die Sonne durchwärmt uns und wir fühlen, wie alles wieder lebendig wird in uns. Und am Kanal sehen wir wie in ein Paradies: im strahlenden Lichte liegt das saftige Grün von Baum und Strauch. Wir vergessen das Vergangene und denken nicht an morgen. Wir hören erfreut die Vögel zwitschern. Wir sind dem Frühling wiedergegeben – nein, viel einfacher und gewaltiger: der Tag, die Sonne hat uns wieder!

Lustig marschieren wir fürbaß am fruchtbaren Ufer des Kanals. An den steilen Hang zur Rechten sind Unterstände der Artilleristen angeklebt. In Hemdsärmeln tritt ein Mann mit ungekämmten Haar aus einer Tür, blinzelt verschlafen in die Sonne, nimmt sich ein Waschbecken, um sich für sein Tagewerk zu erfrischen. Für uns ist nach der erzwungenen Unsauberkeit in der vorderen Stellung diese Szene geradezu ein Bild idealer bürgerlicher Ruhe und Bequemlichkeit. Wir wissen, dass auch uns dieser Friede winkt.

So marschieren wir ins Biwak, Regimentsstab und I. Batl. nach Poilecourt, II. und III. Batl. nach Houdilcourt. Aber nur zwei Tage haben die Bataillone Ruhe in ihrem Biwaks, dann geht es weiter ins Kaiserlager.
 
Beerdigung der Opfer in Avaux
Gräber der Gefallenen in Brienne

Kaiserlager:

Es war am 5. Juni 1917 und sengend heiß. Schon am Nachmittag mußten wir an Ort und Stelle bereit stehen – also dicke Luft!
Wie anders ist es gekommen! Über fünf Wochen der schönsten Lagerzeit wurde uns vergönnt. Was wir vorfanden war herzlich wenig. Ein Streifen Niederwald wenige Kilometer nördlich der Suippes. Es war ein Mischwald. Er hatte die zweckmäßige und militaristische Eigenschaft, alle paar Schritt Plätze zum „Heraustreten“ frei zu lassen. Es waren nur Kulissen. Aber diese Kulissen sahen ein militärisches Spiel, militärisch im Ernst und Freude. Und die Freude überwog.
Bequeme Zelte mit Firststangen wurden gebaut, die Kantine richtete sich häuslich ein, die Verpflegung war gut, die Ausrüstung wurde erneuert und der es begann der Urlaub, jeweils 5 % der Einheiten. Damit stieg auch die Stimmung.
 
 

   Kaiserlager, Regimentsstab, in Badehose: Oberleutnant Dose

Diese Lebenslust, dieses „Genieße den Tag“ des Frontsoldaten in Ruhe kam über uns. Nach wenigen Stunden des Dienstes am frühen Morgen – im Erdwerk oder beim Schanzen, beim Schießen oder beim Übungswerfen scharfer Handgranaten – kam Spiel und Sport, Gesang und Umtrunk an die Reihe.

Es fehlte erst an Gerätschaften für die Spiele, aber dann kamen die Bälle aus Straßburg. Jetzt folgte Fußball und Schlagballspiel und Turniere zwischen den Kompanien und Bataillonen.

Und dann das Baden! Wie erfrischte das kalte Wasser der Suippes an den heißen Sommertagen uns Leib und Seele. Wie tummelten sich unsere Hamburger und Kieler Jungens in Baljen und Kisten, auf Spinne und Zeltfloß!
 

2. Kompanie beim Baden
Werfen scharfer Handgranaten

Und dann die Abende! Frohe Feiern  mit Umtrunk und Besuch oder stilles Besinnen im behaglichen Zelt. Oder Musikmeister Rotermund spielte mit seiner Regimentskapelle – wie manches Mal ist in jenen Wochen Promenadenkonzert für die „Garnison“ gewesen! Oder Heimatlieder werden sehnsüchtig gesungen.

Fliegeralarm!! Licht aus!! Auch der Kompanieführer, der beim Kerzenschein im Zelt schreibt, – das Papiertrommelfeuer auf die Front wurde nachgerade eine taktische Gefahr (Worte Ludendorffs) – wird vom Posten dringend ersucht, noch verborgener zu leben. Aber alles ging gut. Nur in Aussonce werden Menschen und Pferde getroffen, eine von Fliegern bis in den Ort verfolgte Kolonne.
 

Beerdigung in Rethel des am 16. 06. 1917 in Aussonce gefallenen Ltn. Alex Cordes. Am Grab Exz. Sunkel.
Die Familie ließ ihn nach Patensen in die Lüneburger Heide umbetten.

In üppiger Pracht sind Walderdbeeren herangereift, würzig und süß und gut davon zu essen. Kompaniebefehl: Morgen kein Schanzen, dafür Erdbeeren sammeln, jeder Mann ein Kochgeschirr voll! großer Erfolg, glänzende Marmelade, die die Feldküche kocht mit dem wohlweislich gesparten Zucker. Dr. Oetkers Erdbeermarmelade war auch in gepriesenen Friedenszeiten nicht halb so gut.

Und dann gerade bei der Erdbeermarmelade: Fertig machen! Einbruch der Franzosen im Hexenkessel. Wir sollen uns im Luftschifferwald bereit stellen zu dem Gegenunternehmen „Rache“. Also los. War doch rauh und lieblos! Und unsere Bibliothek war auch noch nicht zu Ende gelesen.
 

Fesselballone
im Luftschifferwald

Und wieder ging es gut. Nach zweitägiger Bereitschaft der willkommende Befehl: Die Kompanien rücken in ihre Ruheläger zurück. Also Kaiserlager von vorne! Und wieder im steten Wechsle der kurze Dienst, die lange Erholung. Die Kampfkraft gedieh dabei vortrefflich, ebenso die Moral der Truppe. Die obligatorischen Besichtigungen waren erfreulich, bei allen Bataillonen.

Nach dem Kaiserlager der mörderische Hochberg!

Wir hatten die Neige der köstlichen Ruhezeit gechlürft – jetzt kam wieder der bittere Ernst. Das Regiment hat die Prüfung bestanden, unter großen Verlusten. Die Erinnerung an all die Schrecknisse des Juli und August verblaßt hinter den frohen Bildern, die der Name Kaiserlager erweckt.
 

Soldatenfriedhof in Rethel

 
Fortsetzung
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