Sergeant Georges Curien
43.Régiment d´Infanterie Territoriale, 2.Bataillon, 6.Kompanie
Vorbemerkung: Der folgende Beitrag wurde verfasst von Eric Mansuy, dem Urenkel von Georges Curien. Er ist Franzose und wohnt im Departement Vosges. Über jedwede Art von Resonanz würde er sich freuen. Eine englische Version des Berichtes befindet sich auf der Web-Site An Unfortunate Region von Peter van den Heuvel & Marco Hoveling. Für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seiner Spurensuche bedanke ich mich herzlichst bei Eric, ich hoffe, daß meine so nahe wie möglich am Originaltext angelehnte Übersetzung gut verständlich und inhaltlich den Tatsachen entsprechend ist. Merci bien Eric!
Le Thillot, 1917: Sergeant Curien, seine Frau Marie-Amélie
und seine beiden Töchter, Marie-Suzanne (links)
und Amélie-Lucie (rechts).
Georges Curien wurde am 20. Dezember 1877 in Fresse (Vogesen, Frankreich) geboren. Seinen vorgeschriebenen Militärdienst leistete er von 1898 bis 1901 beim 149. Régiment d’Infanterie in Epinal ab, beendete diesen im Rang eines Corporals. Er heiratete 1903 und als Anfang August 1914 der Krieg ausbrach, war er Vater zweier Mädchen.
Er war Angestellter eines Sägewerkes und 36 Jahre alt, als er Frau und Kinder verließ, um in das 43. Régiment d’Infanterie Territoriale (R.I.T.) einzutreten. 3 Jahre und 7 Monate sollte Georges Curien nun im Kampfgebiet der Vogesen und des Elsasses verbleiben, um dann anschließend während der deutschen Sommeroffensive an der zweiten Schlacht an der Marne teilzunehmen.
Vom 01. August bis zum 19. Dezember 1914 war das zweite Bataillon des 43. R.I.T. wie der Rest des Regiments auch in kleinen Dörfern rund um die strategisch bedeutende Stadt Epinal untergebracht. Am 20. Dezember verlegte das Regiment in Richtung der Front und überquerte das Schlachtfeld von La Chipotte, wo zwischen 25. August und 11. September 1914 schwere Gefechte stattfanden. Folgende Zeilen schrieb Georges Curien in sein Tagebuch:
"Wir verlassen die Hauptstrasse um einen Wald zu durchqueren. Das ist ein echtes Schlachtfeld was wir nun betreten, denn wir sind nicht weit entfernt vom La Chipotte Pass, der nun den Beinahmen Todeszone trägt. Dort liegen Reste von Waffen und Rucksäcke, Mützen und Helme. Kreuze markieren die französischen Gräber, bloße Zweige die deutschen Gräber. Wir können von Granaten durchbohrte Bäume sehen. Wir fragen uns, was hier wohl alles vor sich ging. Muß man in so einem zivilisierten Jahrhundert leben, um sich gegenseitig dann auf diese Weise zu töten?"Zwischen Ende Dezember 1914 und 20. Januar 1915 patroullierte das Batallion nahe des La Chapelotte Passes und besetzte die dortigen Stellungen (wo 1915 erneut schwere Gefechte stattfanden), bevor es zurück nach Epinal marschierte. Dort nahm das gesamte Regiment am 11. Februar 1915 an einem Parademarsch vor Raymond Poincaré, dem Präsidenten der Französischen Republik, teil. 14 Tage später wurde das 2. Batallion in einen Zug verladen mit dem Ziel Saint-Dié, dem am heftigsten umkämpften Sektor dieser Kampfregion. Georges Curien und die Männer seines Zuges hatten dort den Monat April über den Auftrag, das elsässische Tal Sainte-Marie-aux-Mines und die benachbarten Berge zu beobachten:
"Vor uns liegt der berühmte Tête-de-Faux, wo das Schießen ständig anhält und rechts von uns, am Fuße des Tales, das Dorf Le Bonhomme. Dort sehe ich, nach 8 Monaten Krieg, meine ersten Boches."Im Mai verlegte Curiens Bataillon nach La Fontenelle, das am 30. dieses Monats von den Deutschen angegriffen wurde. Georges Curien wurde kurz darauf zum Sergeanten befördert. Am 22. Juni 1915 startete eine erneute deutsche Offensive:
"Die Tage, die eben erst vergangen sind, werden für immer in meinem Gedächtnis bleiben (...). In der Abenddämmerung kommen wir an, nachdem wir eine große Zahl Verwundeter und Toter vorgefunden hatten, darunter viele Offiziere. Das ist für uns nicht tröstlich, denn die Verwundeten erzählen uns, daß die Boches den Gipfel besetzt halten und nun beginnen, in die ersten Häuser einzudringen. Wir können uns das lebhaft vorstellen, den schon fliegen uns die ersten Kugeln um die Ohren. Wir geben uns alle Mühe unsere ersten Gräben zu erreichen. Uns wird bestätigt, daß das 23. (Régiment d´Infanterie), welches den Gipfel besetzt hielt, diesen aufgeben und sich zurückziehen mußte. (...) Es geht drunter und drüber, Häuser ganz in unserer Nähe beginnen zu brennen und beleuchten unsere Gräben. Alles was wir tun können ist, uns in den Gräben flach zu legen, denn würden wir gesehen werden, so wäre die gesamte Kompanie tot und verloren. Wir sind sicher, demnächst zu sterben.(...) Der 23. Mai verläuft ebenso, Gewehrfeuer von allen Seiten. Die Nacht kommt, es ist nicht geplant uns abzulösen und, was noch schlimmer ist, wir haben nichts zu essen und seit gestern konnten wir uns nicht mehr bewegen. Gegen 10. Uhr endlich werden wir von Kolonialtruppen abgelöst und gelangen nach hinten, essen ein wenig und schlafen. Wir sind betäubt vom Lärm der Waffen, unsere Nerven sind überstrapaziert. Oh meine Lieben! Was für eine Nacht und was für ein Tag, es ist schrecklich! Wir schlafen bis zum Morgen auf nackter Erde, aber das Erwachen ist traurig. Wir erfahren, daß zwei Mann meines Zuges tot sind, getötet im benachbarten Graben, ebenso wie unser Unter-Leutnant Schwartz. Im zweiten Zug, der für die Mienen zuständig war sind 2/3 der Leute tot oder vermißt, 11 von 38 sind noch am Leben. In meinem früheren Zug sind 5 vermißt, ebenso der Corporal der mich ersetzte."Am 8. Juli konnten sich die Franzosen in La Fontenelle revanchieren und das 43. R.I.T. war erneut beteiligt, dieses mal erfolgreich, es wurden 881 Gefangene gemacht. Die Deutschen versuchten zwischen dem 10. und dem 23. Juli den Gipfel erneut zu erreichen, aber es war hoffnungslos, die Franzosen befreiten das Dorf Launois und machten weitere 830 Gefangene. Die Schlacht von La Fontenelle war gewonnen und so gut wie vorüber.
Die 6. Kompanie des 43. R.I.T. verlegte in einen neuen Sektor nahe Celles-sur-Plaine, wo die Deutschen die Bergkämme beiderseits des Tales hielten. Ein übler Sektor, in welchem sergeant Curien seine ersten beiden Patronen seit Beginn des Krieges abfeuerte! Es gab keine besonderen Vorkommnisse, das Bataillon machte Graben- und Patroullendienst, wurde dann nach Raon-l´Etape (01.Januar 1916) verlegt, bevor es im März 1916 die Region in Richtung Géradmer und der Elsassfront verließ. Dieser Teil der Front war keineswegs so ruhig wie es damals (und auch heute noch) oft behauptet wurde bzw. wird:
"05. April: (...) Vorgestern bedeckten sie uns mit 130 Granaten, darunter auch 50´er Kaliber (...)Das Bataillon verbrachte die folgenden Monate im Wechsel von Ruhephasen und Grabendienst, nichts Spektakuläres passierte. Ende 1916 war Curiens Batallion erneut nahe Le Bonhomme und ab 20. Februar 1917 am Le Linge, wo im Sommer 1915 schreckliche Kämpfe tobten. Das Frühjahr 1917 wurde von allen Soldaten freudig erwartet, da die Temperaturen im Winter 1916-1917 bis zu 22°C unter Null erreicht hatten. Ende März wurden Georges Curien und sein Zug zu einem kleinen Beobachtungsposten oberhalb von Orbey befohlen, welcher sich als sehr gefährlicher Ort herausstellte.21. Mai: (...) Seit einigen Tagen nehmen unsere Verluste zu, da wir in unregelmäßigen Abständen beschossen werden. Ein Kamerad wird von einer Granete, die über ihm explodiert, verwundet. Armer Mann, er wurde von Splittern durchbohrt. Heute erfuhr ich, daß man sein Bein amputieren mußte. Auch erfuhr ich, daß zwei weitere Soldaten von der selben Granate getötet und drei andere verwundet wurden. Es ist eine Pechsträhne!"
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Georges Curien und einige Männer seines Zuges in einem Graben der Vogesen-Elsass Front
"24. März: (...) Gestern abend erwiederten die Boches unser Artilleriefeuer, unglücklicherweise für meinen Posten, ich habe ienen Corporal und einen Soldaten verwundet neben mir und ich frage mich, wie ich und meine anderen Soldaten unverwundet bleiben konnten! Die Granate explodierte einen Meter vor der Sappe, in welcher die meisten von uns sich befanden. Der Corporal, der sich mit mir den Unterstand teilt, wurde verwundet, als er denselben verließ, um seine Beobachter zu postieren. Er hat drei Wunden: eine am Kopf, eine an der Seite (sehr ernst) und ein Fuß wurde durchbohrt. Der Posten hat auch eine Kopfwunde und eine Weitere am Arm. Ich hoffe für die beiden, daß es nicht zu schlimm ist. Als ich in der Nacht alleine in meinem Unterstand war, dankte ich der heiligen Jungfrau dafür, daß sie mich erneut beschützt hat.Am selben Tag, dem 29. März, wurde die 6. Kompanie aufgelöst und Georges Curien wurde am 04. April 1917 zur 8. Kompanie versetzt. Zwischen em 15. Juni und dem 15. Juli erhielt er vom Oberst, der das 43. R.I.T. komandierte, sein Croix de Guerre. Das Regiment wurde am 17. September 1917 aufgelöst und Georges Curien kam zum 205. R.I.T., stand fortan mit dieser Einheit am Le Tanet (September 1917), Ampfersbach (Oktober), Le Rudlin (November), Reichackerkopf (Dezember 1917 bis Mitte Januar 1918). Am 16. Februar 1918 wurde er versetzt zum 112. R.I.T. und am 22. Februar 1918 verladen in Richtung Giromagny, er verließ die Vogesen- und Elsassfront. Schließlich kämpfte er nahe Montdidier von Februar bis April 1918. Er wurde am 24. Januar 1919 aus der Armee entlassen, nach vielen Verlegungen zwischen Belgien und Frankreich. Er ging zurück in seine Heimatstadt und wurde Leiter des Sägewerkes in der Nachbarstadt Le Thillot. Er starb im Alter von 44 Jahren am 26. Februar 1922.Heute morgen entdeckte ich, daß der Kolben meines Gewehres von einer Seite zur anderen durchlöchert wurde. Da es im Moment der Explosion neben mir lag, wurde mir erneut und mit Freude klar, daß das wohl eine haarscharfe Sache war. Meine Zeit war noch nicht gekommen.(...)"
"29. März: Gestern erfuhr ich zu meiner Freude, daß meine Männer, die am 23. verwundet wurden, noch am Leben sind. Auch wenn ihre Verwundungen als ernslich bezeichnet werden, scheint es nicht aussichtslos, daß der Corporal gerettet werden kann. Für den Soldaten sieht es nicht ganz so gut aus, sollte er überleben, wird er doch vermutlich verkrüppelt bleiben, mit nur noch einem gesunden Arm (eine Amputation wird wohl in Erwägung gezogen). Letzterer wurde ausgezeichnet mit der Médaille Militaire und dem Croix de Guerre. Nichts jedoch für den Corporal. Dieser Tage erfuhr ichdann, daß der Kompaniefeldwebel einen Bericht ans Hauptquartier geschickt hat, mit einer positiven Erwähnung des Corporals und mir. Dann, heute morgen, als der Offizier vom Dienst Grosjean mich weckte, erzählte er mir, wir wurden beide ausgezeichnet. (...) Hier ist der Wortlaut meiner Auszeichnung:" Curien Henri-Georges, Sergeant in der 6. Kompanie des 43., exzellente N.C.O. hat am 23. März 1917 trotz heftigem Beschuß den Dienst der Beobachter sichergestellt in einer dem Feuer ausgesetzten Stellung.""
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